Von Claudia Weiss

Die Patientin war 51 Jahre alt, als sie am 25. November 1901 in die Frankfurter «Anstalt für Irre und Epileptische» eingeliefert wurde. Der Arzt fragte: «Wie heissen Sie?» – «Auguste.» – «Familienname?» Kurzes Zögern. «Auguste.» – «Wie heisst Ihr Mann?» Längeres Zögern. «Ich glaube, Auguste.» Das Gespräch ist unvergessen, es ist das erste, das der deutsche Psychiater Alois Alzheimer mit einer Patientin führte, deren Leiden er «die Krankheit des Vergessens» nannte.

Heute kennen wir die Krankheit unter dem Namen Alzheimer-Demenz, sie ist die häufigste Form von Demenz und macht zwei Drittel aller Erkrankungen aus. Weltweit sind 44 Millionen Menschen daran erkrankt, allein in der Schweiz rund 116 000. Und diese Zahlen werden laut Experten in den nächsten Jahren zusammen mit der älter werdenden Bevölkerung massiv ansteigen. Tausende von Wissenschaftern in aller Welt suchen deshalb wie besessen nach einem Mittel gegen das Leiden.

Alle paar Wochen frohlocken Forscher-Teams, sie seien auf gutem Weg, ja gar kurz vor dem Durchbruch. So wieder Anfang dieser Woche. Forscher um den Neurowissenschafter Changiz Geula von der Northwestern University in Chicago publizierten im Fachmagazin «Brain» zwei «bisher einzigartige Entdeckungen»: Amyloid (Eiweiss) häufe sich erstens bereits in bestimmten Neuronen von jungen Gehirnen an, sogar schon bei 20-Jährigen. Zweitens vermehre es sich im Lauf des Lebens stetig, schon bei jüngeren Menschen.

Ob das ein Durchbruch ist? Geula jedenfalls ist begeistert. Er zeigt auf Behälter voller Hirnscheiben aus der US-Hirnbank und erklärt: «Besonders auf junge vollständige Hirne sind wir dringend angewiesen, um daran das Altern zu studieren.» Die Hirnscheiben von verstorbenen Menschen zwischen 20 und 99 Jahren zeigten ihm: Schon bei ganz Jungen bildeten sich Amyloid-Ablagerungen innerhalb von cholinergen Neuronen. Das sind Nervenzellen, die Acetylcholin produzieren, und zwar in einer Region, die für Gedächtnis und Aufmerksamkeit zuständig ist. Geulas Fazit: Es sei gut möglich, dass «die lebenslange Anhäufung von intraneuronalem Beta-Amyloid» und das Grössenwachstum dieser Molekülteile die Neuronen «im Lauf der Jahre für Alzheimer anfällig macht». Das sieht auf den ersten Blick sensationell aus: Könnte man diese Amyloid-Klumpen rechtzeitig «herausputzen», liesse sich vielleicht Alzheimer vermeiden.

Bloss folgt Geulas Studie einem ausgetretenen Pfad, der vielleicht ins Nichts führt. Das jedenfalls sagt Luc Pellerin, Professor für Neurowissenschaften an der Universität Lausanne: «Heute ist längst nicht mehr sicher, ob Beta-Amyloid wirklich die Hauptschuld am Entstehen von Alzheimer trägt.» Geulas Entdeckung überrascht ihn nicht, und er findet, dass man ihr keine übertriebene Bedeutung beimessen sollte. Seit fast zwei Jahrzehnten verfolgen nämlich die allermeisten Wissenschafter die Amyloid-Kaskade-Hypothese. Sie gehen davon aus, dass eine Verklumpung des Eiweisses Amyloid eine Reihe von zellschädigenden Reaktionen auslöst, welche die Hirnzellen funktionsuntüchtig machen und sie schliesslich zum Absterben bringen. Nur: Von einer Gruppe untersuchter Menschen mit deutlichen Plaques, also Ablagerungen, zeigte ein Drittel keinerlei kognitive Schwierigkeiten.

Eine zweite, kleinere Forschergruppe vermutet deshalb schon seit längerem, das Problem sei bei den «Tau»-Proteinen zu suchen. Tau ist ein stabilisierendes Eiweiss, und wenn dieses mit Phosphat überladen wird, bricht das Transportsystem der Nervenzellen zusammen, Neurofibrillenbündel lagern sich ab und die Hirnzellen sterben ab.

Nun wagte sich Mitte Januar eine Forschergruppe mit einer ganz neuen Theorie an die Öffentlichkeit. Luc Pellerin, der Neurowissenschafter von der Uni Lausanne, Pierre Magistretti, Direktor des Brain Mind Institute an der EPFL, und Lloyd Demetrius von der Universität Harvard präsentierten im Fachmagazin «Frontiers in Physiology» den neuen Ansatz: Auslöser für Alzheimer seien nicht die Beta-Amyloid-Klumpen, sondern die Mitochondrien, jene Zell-Organellen, die für die Energieversorgung zuständig sind. Die Forscher sind überzeugt, dass die Amyloid-Ablagerungen wohl ein Alterszeichen des Hirns seien, aber nicht per se krankmachend. «Wer alt wird, kann irgendwann erkranken», sagt Demetrius zwar in der «Harvard Gazette». Krank werde man aber nur, wenn der Energiestoffwechsel im Hirn gestört sei.

Amyloid-Ansammlung, Tau-Proteine oder Energieversorgung – wer hat recht? «Das wird sich in den nächsten paar Jahren zeigen», sagt Luc Pellerin. Er setzt klar auf die neue bioenergetische Hypothese. Denn der Amyloid-Ansatz führte bisher nie zum Ziel, und schon zahlreiche Pharmafirmen mussten ihre Studien desillusioniert abbrechen. Wirkstoffe mit klangvollen Namen wie Bapineuzumab oder Solanezumab führten alle nicht zum erhofften Erfolg. Die Plaques verschwanden zwar mehrheitlich, aber die Hirnleistung der Probanden verbesserte sich nicht.

Den jüngsten Misserfolg meldete die Basler Firma Roche. Ihr Mittel Gantenerumab hätte das Fortschreiten von Alzheimer im Frühstadium stoppen sollen. Ende 2014 musste die Studie auf Empfehlung des unabhängigen Prüfungsgremiums abgebrochen werden – die erhoffte Wirkung war ausgeblieben.

Andreas Monsch, Neuropsychologe und Leiter der Memory Clinic in Basel, wertet das als herben Rückschlag für die Amyloid-Forschung: «Die Studie war perfekt aufgegleist und versprach sehr viel», sagt er. Schon bei Studienbeginn stand deshalb für ihn fest: «Wenn dieses Medikament nicht hilft, ist der Ansatz mit den Amyloid-Plaques wahrscheinlich nicht zielführend. Dann muss die Forschung neue Wege gehen.»

Ein Mann, ein Wort: Diesen Montag stiegen Monsch und sein Team in eine gross angelegte Studie ein, bei der er – ähnlich wie Pellerin, Magistretti und Demetrius – die Energiezufuhr im Hirn unter die Lupe nimmt. «Bioenergetische Hypothese» heisst dieser neue Ansatz. Während fünf Jahren testeten Forscher in den USA, Australien und mehreren europäischen Ländern insgesamt 5800 gesunde Probanden, ob eine winzige Dosis des Diabetesmedikaments Pioglitazone den Ausbruch der Alzheimer-Krankheit verzögert: Das Mittel soll den Stoffwechsel der Neuronen optimieren und damit den Abbau von Hirnzellen verhindern.

Wie sich Changiz Geulas Entdeckung der Amyloid-Plaques im Hirn von 20-Jährigen konkret nutzen lässt, sieht auch Neuropsychologe Monsch momentan nicht. Aber es sei gut möglich, dass am Ende eine Kombination aus verschiedenen Wirkstoffen nötig sei. Bis ein wirkungsvolles Medikament entwickelt wird, dürfte es aber noch dauern: «Vielleicht so in zehn Jahren», hofft Monsch. «Früher ist das wohl kaum realistisch.»

Bis zur Erfindung einer wirksamen Alzheimer-Pille werden noch viele Betroffene jene Angst durchmachen, die Auguste Deter während ihres Aufenthalts im Frankfurter «Irrenschloss» vor 110 Jahren bekümmert beschrieb: «Ich habe mich sozusagen verloren.»

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