Für die Privatbank Sarasin wird der Verrat an Ex-Nationalbankpräsident Philipp Hildebrand zum Problem. Die Tatsache, dass Transaktionsbelege mutmasslich von einem IT-Mitarbeiter abfotografiert und an die Öffentlichkeit geschafft wurden, ist reinstes Gift für die Kundenpflege. Auch der Umstand, dass in der Bank offenbar eine Tratschkultur herrscht, in der Kundentransaktionen zu Diskussionen in der Kaffeepause anregen, erschüttert das Vertrauen in sie.

Der mutmassliche Bankgeheimnisbruch des inzwischen entlassenen IT-Mitarbeiters Reto T. ist bereits der zweite Schlag gegen die Bank in nur wenigen Wochen. Im November wurde Sarasin nach einer wüsten Übernahmeschlacht an die mysteriöse Safra-Bankengruppe aus Brasilien verkauft. Nach Bekanntgabe des Verkaufs gab Joe Strähle, der Chef von Sarasin, in einem Interview mit der «Basler Zeitung» bekannt, dass «wir eine gewisse Verunsicherung bei den Kunden» spüren. «Wir haben nicht wirklich viele Gelder verloren, aber auch nicht gross dazugewonnen, weil neue Kunden zurückhaltend waren», sagte er.

Gemäss Informationen des «Sonntags» konnte der Prozess bis jetzt nicht gestoppt werden. Mit dem jüngsten Schlag gegen Sarasin dürfte es noch schwerer werden, in den nächsten Monaten Neugelder anzuziehen. Wie Recherchen ergeben haben, sind es nicht nur die Kunden, die Gelder von Sarasin abziehen. Auch etliche Kundenberater befinden sich auf dem Absprung. So wird ein ganzes Team von Privatbankern in den nächsten Monaten zu Julius Bär wechseln – just der Bank, die Sarasin übernehmen wollte. Weder Julius Bär noch Sarasin wollten den Wechsel bestätigen oder dementieren. Im gegenwärtigen Zustand der Bank dürfte es den Kundenberatern einfach fallen, viele Kunden zu einem Wechsel der Bankbeziehung zu bewegen.

Der Diebstahl von Kundendaten bei Sarasin sorgt auch unter den Schweizer Privatbankiers für Diskussionsstoff. «Grundsätzlich ist es immer negativ, wenn Kundendaten entwendet werden. Das wirkt sich hauptsächlich auf das betroffene Institut aus, trifft aber in zweiter Linie auch den gesamten Finanzplatz Schweiz», sagt Christoph Gloor, Teilhaber der Basler Privatbank La Roche.

Das Bankkundengeheimnis gelte zwar zwischen den Mitarbeitern der gleichen Bank nicht, der Kreis der Personen, die über eine Kundenbeziehung Bescheid wüssten, werde aber immer möglichst klein gehalten. Der Vizepräsident der Vereinigung Schweizer Privatbankiers übt jedoch auch Kritik: «Es ist nicht sittlich, sich in der Kaffeepause über Transaktionen eines Kunden zu amüsieren. Dies ist eine Frage des Respekts.»

Ein Diebstahl kann laut Gloor nie vollständig ausgeschlossen werden. Für die Bank sei deshalb das Vertrauen in die Mitarbeiter entscheidend. Diese müsse man sorgfältig auswählen. Obwohl die SVP-Mitgliedschaft des IT-Mitarbeiters bei Sarasin beim Klau von Hildebrands Kontodaten relevant war, spielt laut Gloor die Mitgliedschaft in einer Partei bei Einstellungsgesprächen weiterhin keine Rolle. «Die Loyalität ist entscheidend.» Gloor empfiehlt zudem, die Konten der Nationalbankdirektoren durch die SNB selbst führen zu lassen.

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