VON ALFRED P. HERBERT

«C’est la guerre», es ist Krieg, lässt mich ein Genfer Bankier nach den scharfen Worten von Präsident Obama gegenüber den Banken wissen. «Wir können uns auf einen anhaltenden Belagerungszustand und Stellungskrieg gefasst machen», ist seine nüchterne Analyse.

Die Unsicherheit ist total! Obama hat am Donnerstag angekündigt, er wolle den Banken den Eigenhandel austreiben und sie in der Grösse deckeln. Dabei hat er wie ein Lama auf die Banker gespuckt. Die Wall-Street-Herde ist aufgescheucht und stiebt vorerst kopflos davon.

Am Freitag folgte der nächste Hammer: Der Staatsvertrag in Sachen UBS und Steuerflüchtlingen sei nicht rechtens, beschied das Bundesverwaltungsgericht in seinem aufsehenerregenden Entscheid. Damit ist das im August mühsam mit den Amerikanern ausgehandelte Abkommen nicht einmal mehr das Papier wert, auf dem es steht.

Und nun? Die Börse hasst nichts so sehr wie Unsicherheit. Die Kurse stürzten in der zweiten Wochenhälfte richtiggehend ab. Die Wall Street verlor nach der giftigen Obama-Rede innerhalb von zwei Tagen mehr als 400 Punkte – mit der Aussicht auf einen weiteren Spiralsturz!

Die Schweizer Börse hatte am Freitag kurz vor Schluss noch gar keine Zeit, um auf den Entscheid des Bundesverwaltungsgerichts zu reagieren. Das steht uns am Montag noch bevor! Die Gefahr besteht, dass die internationale Kundschaft aus Verunsicherung nochmals eine Abstimmung mit den Füssen vornimmt.

Nach dem Schweizer Gerichtsurteil werden sich die Amerikaner an das halten, was für sie greifbar ist. Und das sind die Assets der UBS und der anderen Schweizer Banken (die bisher geschont wurden) in Amerika! Die Wahrscheinlichkeit ist gross, dass hier die Schraube nochmals eine Drehung durch die Amerikaner erfährt.

Die Banken als Leidtragende sind zum Zuschauen verdammt. Die Politik muss notgedrungen übernehmen. Bundesrat und Parlament sind gefordert, aber können sie auch liefern? Eine erste informelle Umfrage unter Bankern zeigt, dass das Vertrauen in die Politik einen geringen Stellenwert hat. «Wir müssen unsere eigene Auslegeordnung machen», sagt mir ein hohes Tier von der Bahnhofstrasse. Und die wird ernüchternd ausfallen.

Die Gefahr ist reell, dass alle Schweizer Banken mit Tätigkeit in den USA ins Gebet genommen werden. Da haben nicht nur die Grossbanken einen Mühlstein am Hals. Und eines ist heute schon sicher: Die UBS wird mit Dutzenden, wenn nicht Hunderten von Schadenersatzklagen überschwemmt werden. Ein Zürcher Wirtschaftsjurist jubelt mir bereits ins Ohr: «Das gibt lukrative Arbeit auf Jahre hinaus.» Die Konsequenz für Anleger: Bankaktien bleiben noch für lange Zeit auf dem Schandbänklein!

Auch wenn die Banken jetzt im Rampenlicht stehen, so sind sie nur ein Teil der Gesamtbörse. Und hier muss sich der Anleger neu orientieren. Grosse Hoffnungen hatte man auf die Gewinnausweise fürs 2009 gesetzt. Doch auch hier die Ernüchterung: Die Börse hat bisher auf gute Zahlen lethargisch geantwortet. Das ist aus Erfahrung kein gutes Zeichen. Wenn die Aktienmärkte nicht mehr auf gute Nachrichten reagieren, ist der Abschwung oder zumindest eine markante Korrektur noch nicht abgeschlossen. Der Kursabschlag von zehn Prozent für solide Werte wie Holcim ist ein klares Indiz.

Aufgefallen ist mir, dass sich Händler und grosse Institutionelle im Laufe dieser Woche auf Put-Optionen fokussiert haben. Das ist ein erstes Zeichen von Misstrauen gegenüber dem Markt, aber noch mehr ein indikativer Trend für die kommenden Wochen. Es fällt schwer, in diesem Umfeld Optimist zu bleiben!

Für die Anleger mit längerfristiger Optik ist aber noch nicht alles verloren. Es gibt sie noch, die Bijoux, die auch in struben und turbulenten Zeiten ihren Wert behalten. Sie stehen wie ein Fels in der Brandung und ignorieren die Stürme um sich herum. Um dann in ruhiger See wieder zu glänzen und die Anleger zu erfreuen. Ins Auge stechen mir derzeit als Renditeperlen Swisscom, Surveillance (SGS) und BCV (Banque Cantonale Vaudoise), als Wachstumspapiere Sonova, Syngenta und Lonza. Da lassen sich auch bewegte Zeiten gelassen erleben!

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