In dieser Woche wurden wir wieder einmal Zeuge auffälliger Kursbewegungen vor der Bekanntgabe neuer Geschäftszahlen. Das Objekt der Begierde gewisser Besserwisser war in diesem Fall nicht ein «small cap», sondern einer der Fixsterne unserer einheimischen Industrie, der Technologiegigant ABB.

Mit einer Marktkapitalisierung von nahezu 50 Milliarden Franken dürften alle Schweizerinnen und Schweizer Teilhaber über ihre Pensionskasse sein. Damit auch der interessierte Laie diese Vorgänge versteht, werde ich sehr detailliert den Ablaufplan dieses Manövers erklären. Leider ist dies nicht der erste Vorfall, der in diesem Jahr auf gross kapitalisierte Titel stattgefunden hat. Man erinnere sich an Holcim vor der Fusionsbekanntgabe mit Lafarge.

Am 23. Juli, am vergangenen Mittwoch, präsentierte die ABB ihre Quartalszahlen, und schon im Vorfeld zirkulierten ernstzunehmende Gerüchte, dass die Zahlen besser als erwartet sind. Und so kam es dann auch.

Um die ganze Angelegenheit nachzuvollziehen, habe ich immer die Schlusskurse des jeweiligen Tages genommen. Am 18. Juli stand die ABB-Aktie bei einem Kurs von 20.41 Franken, und der schlaue Fuchs kaufte sich 40 800 Bezugspositionen (Calls) auf den Ausübungspreis 21.00 Franken mit Ablaufdatum August 2014.

Die Rechnung ist schnell gemacht: Ausübungspreis 21.00 Franken, aktueller Kurs 20.41 Franken. Innerer Wert null, Zeitwert 100 Prozent. So wird die Gewinnchance massiv kleiner, als wenn Sie ins Grand Casino Baden gehen. Doch über das Wochenende muss der schlaue Fuchs sich kräftig Mut angetrunken haben. Warum wohl? Schlusskurs am Montag, 21. Juli: 20.35 Franken, die Aktie fällt, aber die Optionsposition (412 000 Bezugspositionen) wurde um mehr als das Zehnfache erhöht. Sie werden sich fragen, warum dies mehr als merkwürdig ist. Ganz einfach. Da der Kurs sich um 2 Rappen nach unten verschoben hat, haben sich die Gewinnchancen mathematisch nochmals klar reduziert.

Dann aber wendet sich das Blatt. Dienstag, 22. Juli: Wie von Geisterhand verdreifacht sich das Volumen der ABB-Aktien. Stand der Zähler am Montag, 21. Juli, bei 3,915 Millionen Aktien. Am Dienstag, 22. Juli, ist das Volumen mir nichts, dir nichts auf satte 9,868 Millionen Aktien explodiert.

Hier merkt wohl der letzte gewiefte Börsenanalyst, dass etwas im Busch ist, und die Aktie stieg auf 21.05 Franken an. Dies ist umso interessanter, weil die besagte August-2014-Option erstmals «im Geld war», wie man sagt. Das bedeutet, dass der Wert der einst spekulativen Option einen inneren Wert von 5 Rappen hat. Um Ihnen dies zu erklären: Schlusskurs 21.05 Franken minus Ausübungspreis von 21.00 Franken macht 5 Rappen.

Es versteht sich von selbst, dass nochmals Optionen zugekauft wurden, jetzt aber zu 46 Rappen (!) am Dienstag, was um einiges nachvollziehbarer ist. Aber der Aufschlag von 920 Prozent (46 Rappen Kaufpreis zu 5 Rappen) auf den inneren Wert ist eine stolze Angelegenheit. Und nun kam am Mittwoch das angekündigte Börsenwunder zustande, die Quartalszahlen waren besser als erwartet, die ABB-Aktie rauschte in die Höhe.

Am Freitag, 25. Juli, war die einst wertlose Option innerhalb Wochenfrist um 355 Prozent angestiegen. Richtig mutig war auch der Grosseinkäufer am 2. Juli: 30 000 Bezugsoptionen mit Kostenpreis 17 Rappen. Sie können es erraten – innerer Wert null, Zeitwert 100 Prozent. Es versteht sich, dass der hartgesottene Spieler eigentlich ein klassischer, ausgekochter Besserwisser sein muss, also über ausgezeichnete Informationen verfügen musste, um das Spiel auf ein Totalrisiko einzugehen. Nun versteht auch der letzte interessierte Laie, dass frei nach dem Werbespruch des dortigen Grand Casinos nichts zutreffender sein könnte als «Baden im Glück».

Das gleiche Spiel können Sie notabene mit der Option Ausübungspreis 20.50 Franken, August 2014, nachvollziehen. Ich hätte in diesem Game mitspielen können, um den Jackpot abzuholen.

Doch die Chancen, dass diesen Machenschaften der Riegel geschoben wird, überwiegen auf der ganzen Linie.

Unser Experte hat sich verpflichtet, in keinem der besprochenen Titel aktiv zu sein. Wer die Börsentipps aus dieser Kolumne umsetzt, tut dies auf eigenes Risiko. Die «Schweiz am Sonntag» übernimmt keine Verantwortung.
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