VON ALFRED P. HERBERT

Der Gralshüter des Schweizer Finanzplatzes, Nationalbank-Präsident Philipp Hildebrand, liess am WEF in Davos keine Zweifel offen: «Die Grossbanken sind zu gross für die Schweiz, sie müssen kleiner und vor allem wesentlich schärfer kontrolliert werden.» Für die Börse und die Anleger ist das eine unmissverständliche Message. Das heisst, dass die bereits wieder hochfliegenden Pläne der Investment-Banker massiv zusammengestutzt werden. Sie müssen ihre Geschäfte verstärkt mit Eigenkapital unterlegen.

Das macht den Grossteil der Transaktionen uninteressant. Die von UBS-CEO Oswald Grübel erst kürzlich vollmundig versprochenen 15 Milliarden Gewinne in fünf Jahren kann er sich abschminken. Bereits werden mir hämische Kommentare zugetragen: «Er meint wohl eher fünf Milliarden Gewinne in 15 Jahren . . .», sagt mir ein WEF-Teilnehmer nicht ohne Schadenfreude.

Die Schlechtwetter-Periode für die UBS verstärkt sich weiter. Neues Ungemach steht ins Haus. In den USA droht die grösste Sammelklage: UBS-Aktionäre verlangen Schadenersatz in Milliardenhöhe. Und wenn ich meinen Freunden an der Wall Street glaube, hat die Klage «wegen Falschaussagen von UBS-Bankern» gute Chancen, vor Gericht zugelassen zu werden. Das geht nicht nur ins grosse Tuch, sondern wäre für die US-Aktivitäten der Bank existenzbedrohend! Die Anleger müssen sich nicht nur jetzt wetterbedingt warm anziehen – der eisige Wind wird sie noch lange begleiten.

Mit Daniel Vasella hat sich der letzte Tycoon eines Schweizer Grosskonzerns auf den VR-Präsidenten-Posten zurückgezogen. Mit der Ernennung des neuen Novartis-CEO hat er gleich in die Trickkiste gegriffen. Auf den Arzt Vasella folgt der kostenbewusste Zahlen-Techniker Joe Jimenez. Die Aktionäre werden es zu schätzen wissen. Die Beschränkung auf den Präsidenten-Thron heisst aber auch, dass sich Vasella noch mehr auf die strategische Ausrichtung des Konzerns konzentrieren wird.

Die Übernahme der Alcon ist – so Insider – wohl nur eine neue Ouvertüre. Auch wenn sich die freien Aktionäre der Alcon vorerst noch sträuben. Und die grosse Roche-Beteiligung ist auch nicht auf ewige Zeiten in Stein gemeisselt. Präsident Vasella denkt hier in chinesischen Generations-Dimensionen.

Der Höhenrausch der Börsen, der seit einem Jahr dank Hunderten von Notenbanken-Milliarden angefacht worden war, ist nicht nur gemäss «Dr. Doom» Marc Faber langsam, aber sicher vorbei. Immer mehr Stimmen besonnener Grossinvestoren zielen in die gleiche Richtung. Eine erste Kostprobe des Abschwungs liefern die Hedge Funds und die Rohstoffmärkte.

Das Beispiel Öl zeigt dem scharfäugigen Beobachter, wo es langgeht. Monatelang hatten die Hedge Funds Öl gehortet. Zuletzt hatten sie sogar Tankerflotten gemietet, die prallvoll vor den Häfen an Anker gelegt wurden – in Erwartung noch höherer Preise. Doch was alle erwarten, findet an der Börse nie statt. Die Notierungen für Öl sacken jeden Tag ab. Waren es vor Wochen noch 86 Dollar pro Barrel, so nähern wir uns inzwischen der 70er-Barriere. Es sind die gleichen Hedge Funds, die jetzt mit Verkäufen zu allen Preisen auf den Rohwarenmärkten für Baissestimmung sorgen. Dieser Trend wird wohl noch einige Zeit andauern, denn das gleichzeitige Drängeln am Ausgang bekommt den Kursen nicht.

Es ist aus Erfahrung nur eine Frage der Zeit, bis dieses Malaise auch auf die Aktienbörsen überschwappt. Ein bedeutender Fondsmanager sagt es mir in der deutlichen Börsensprache so: «Die kleinen Anleger kaufen wie wild, die grossen Institutionellen verkaufen noch wilder». Es ist keine 64 000-Dollar-Frage, wer obenauf schwingen wird.

Wir nähern uns in der Schweiz dem Höhepunkt der Gewinnausweise für 2009. Es wird eine rücksichtslose Selektion sein: Zweitklassiges wird über Bord gekippt, Erstklassiges weiterhin gejagt. Diese Woche wird sich mit der Veröffentlichung der Zahlen von Roche, Swatch, Zurich Financial Services, Syngenta und Bank Julius Bär die Spreu vom Weizen trennen. Für Spannung ist gesorgt!

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