VON ALFRED P. HERBERT

In der vergangenen Woche haben zwanzig börsennotierte Unternehmungen ihre Bilanzen fürs vergangene Jahr vorgelegt. Damit ist der Höhepunkt der «Gewinnausweis-Saison 09» erreicht worden. Der Anleger kann sich nun ein vollständiges Bild über das «Jahr der Erholung» machen. Und was noch wichtiger ist: Er hat erstmals die Gelegenheit, einen direkten Vergleich zum «Crash-Jahr 2008» zu ziehen.

Die persönliche Auslegeordnung ist wichtig für die Börsenentscheide der kommenden Wochen und Monate. Diese Entscheide werden den Anlegern der Grundstein sein für den Aufbau und die Weiterentwicklung des Portefeuilles. Noch nie in meinen 57 Jahren Börsentätigkeit standen die Zeichen derartig auf Sturm, mit Ungewissheit und Verunsicherung, wie wir sie heute erleben. Jetzt den Überblick und damit den Durchblick zu schaffen, gleicht der Quadratur des Kreises. Heute ist der Zeitpunkt, um vorzusorgen, damit der Anleger später versorgt ist. Das muss die Parole sein.

Von Superausweisen bis dürftigen Zahlen ist alles zu haben. Darum lasse ich die ganze Spannbreite vorbeiziehen. «Bad news first» – die schlechten Nachrichten zuerst – ist die Börsenlosung seit Zeiten. Tiefrot sind die Zahlen bei Clariant, tiefrot werden sie für Jahre bleiben. Die Gesellschaft versucht laufend, sich selber an den Haaren aus dem Sumpf zu ziehen. Das kann nicht der Weisheit letzter Schluss sein. Clariant wird weiterhin ein Liebling der Spekulanten bleiben; einem Dauerbrenner gleich gehen und kommen die Übernahmegerüchte. Für konservative Anleger ist diese Aktie nichts. Wer diesen vor sich hinfaulenden Apfel auf der Hurde hat, der schmeisse ihn weg.

Die Leiden der UBS füllen Romane. Das wird so bleiben, weil die Summe der Probleme keineswegs kleiner geworden ist. In ihrer schieren Grösse ist sie dazu verdammt, «überall» dabei zu sein. Deshalb pflegen viele Anleger zur UBS eine Hassliebe. Man klammert sich an den Titel, ärgert sich aber jeden Tag aufs Neue. Einer meiner Börsenfreunde rudert auch in diesem Boot: «Die UBS war eine Superbank und wird es wieder werden», ist sein verzweifeltes Credo. Es ist kein Wunder, dass ihn die Börsenkollegen inzwischen «den Chinesen» nennen – weil er in Generationen zu denken scheint.

Zwischen dem Börsenkeller und der Dachterrasse tummelt sich das Gros der Gesellschaften. In schlechten Jahren geht es ihnen nicht zu schlecht und in guten Jahren nicht überragend gut. Maschinenbauer, Tourismus und Baubranche nenne ich stellvertretend.

Damit sind wir bei den Kandidaten für die oberen Stockwerke und die Sonnenterrasse. Die Versicherungsbranche hat wegen ihrer teilweise wilden Ausflüge in den Risikobereich schallende Ohrfeigen kassiert. Seit sie sich wieder auf ihr Kerngeschäft konzentriert, rollt der Rubel. Auch für die Aktionäre. Versicherungsaktien gehören daher zu den Grundpfeilern jedes Portefeuilles: Swiss Re, Swiss Life, Zurich, Bâloise und als Zückerchen Helvetia.

Zu den wahren Goldstücken gehören weiterhin die grossen Pharmawerte und Dauerbrenner Nestlé. Sie alle bleiben auf dem Wachstumspfad. Sie werden kaum Sorgen bereiten und oftmals Freude bringen. Entsprechend gross sollte ihr Anteil im Portefeuille sein.

Wir sind in der Schweiz in der glücklichen Lage, dass die Dessertkarte mit Trouvaillen aufwartet. Zu meinen Favoriten zählt ABB. Der Elektrokonzern agiert bei der Stromübertragung in einem dynamischen Wachstumssegment. Das heisst: weniger Konkurrenten wegen der schieren Grösse, dafür sich ausweitende Margen. Das trifft auch auf Sulzer zu. Sonova gehört zum Feinsten. Solides Wachstum verspricht Lonza. Eine Renditeperle ist Swisscom. Surveillance ist wieder auf den Wachstumspfad eingebogen.

So viel zur ersten Hälfte der Anlagestrategie. Die andere Hälfte wird von der hohen Politik abgedeckt. Darüber mehr in meinem nächsten Kommentar.

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