VON ALFRED P. HERBERT

Man kann es drehen und wenden, wie man will: Das vergangene Börsenjahr ist mit einem Plus des Swiss Market Index (SMI) von 19 Prozent durchaus gut verlaufen. Und genauso gut gelang der Start ins Jahr 2010. Weltweit gingen die Indizes am ersten Handelstag mit deutlichen Kursgewinnen aus dem Markt. Schön, aber was ist seither an der Börse los? Nichts! Verunsicherung, seitwärts tendierende Kurse, tote Hose in Sachen Umsatz. Das grosse Warten ist angesagt. Warten auf die Firmen-Zahlen für das vierte Quartal und damit auf die Jahresergebnisse 2009.
Der starke Jahresstart hat unterstrichen, wie begierig die Investoren auf gute Nachrichten aus den Unternehmen hoffen.

Und sie wurden bisher nicht enttäuscht. Der Genfer Warenprüfkonzern Surveillance legte am Freitag als erstes grosses Unternehmen durchaus ansprechende Zahlen vor. Vor allem konnte die Marge in diesen wirtschaftlich schwierigen Zeiten gar noch ausgeweitet werden. Und weil die Aussichten für 2010 noch besser sind, wurde flugs auch schon die Dividende für 2009 von 50 auf 60 Franken tüchtig aufgestockt. Trotzdem gelang der Aktie nur ein mageres Plus im Wochenvergleich. Klares Zeichen, dass die Börse noch bessere Resultate der anderen Gesellschaften sehen wird.

Wie schon das ganze letzte Jahr liegen am unteren Ende des Swiss Market Index die Grossbanken UBS und CS. Die Ankündigung von US-Präsident Barack Obama, die Banken mit einer Sondersteuer von 90 Milliarden Dollar zur Kasse zu bitten, hat auch an der Bahnhofstrasse eingeschlagen wie eine Bombe. «Wir gehen davon aus, dass auch wir bluten müssen», höre ich aus einer der beiden Grossbanken. Insider schätzen, dass die UBS nach heutiger Erkenntnis eine Milliarde Franken (!) und die Credit Suisse gegen 850 Millionen aufbringen müssten.

Ein Unheil kommt selten allein: Der von der OECD am Freitag veröffentlichte Länderbericht ist zwar voller Lobes für die Schweiz. Ausser bei den Banken, hier wird der Mahnfinger ernsthaft erhoben. Die beiden Schweizer Grossbanken sind für die Schweiz zu gross («Too big to fail») und müssen mit wesentlich strengeren Kapitalunterlegungsvorschriften an die Kette gelegt werden. Da dies bereits den Absichten der Regierung und der Finma entspricht, wird sich der Bundesrat jetzt auch noch auf die eindringlichen OECD-Ratschläge abstützen und sich gegenüber den Grossbanken «aufsässig» geben.

Und zu guter Letzt sind die Banken-News aus Amerika keinesfalls überzeugend. Die zweitgrösste Bank, JP Morgan Chase, lässt neue Befürchtungen aufkommen. Zwar übertraf die Bank vorerst die Gewinnerwartungen, CEO Jamie Dimon malt trotzdem für die Branche schwarz. «Die Konsumkreditkosten bleiben hoch, der Arbeits- und Immobilienmarkt ist weiter schwach.» Will heissen: weitere Verluste bei den Krediten und keine Besserung des Immobiliengeschäfts in Sicht. Wahrlich Aussichten, die besonnene Anleger einen grossen Bogen um Bankaktien machen lassen. Morgan Stanley ging gar so weit, das langfristige Kursziel von UBS auf nur noch 18 Franken zurückzustutzen!

In den kommenden Wochen legen die grossen Schweizer Konzerne die Jahresergebnisse 2009 vor. Am 26. Januar deckt Novartis die Karten auf, am 3. Februar folgt Roche. Die Grossbanken zeigen am 9. Februar (UBS) und am 11. Februar (Credit Suisse), was Sache ist. Es kommt damit zur Nagelprobe: Hat die Börse die Aktien der grossen Player in den vergangenen Wochen und Monaten mit zu viel Vorschusslorbeeren eingedeckt? Sind Banken, Versicherungen, Pharmafirmen oder Industriekonzerne noch nicht über den Berg?

Aus Anlegersicht ist es wichtig, jetzt eine gewisse Gelassenheit an den Tag zu legen. Ein hektischer Ausstieg aus dem Aktienmarkt bringt nichts. Schliesslich stellt sich die Frage: Und jetzt wohin mit dem Geld, das aus den Aktienverkäufen gelöst wurde? So toll sind die Alternativen nämlich nicht: kaum vernünftige Renditen bei den Festverzinslichen, Rohstoffe am Top, und am Geldmarkt ist derzeit sowieso nichts zu verdienen.

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper!