Von Roger Thiriet

Wer dieser Tage im öffentlichen Raum unterwegs ist, bekommt sie auf Schritt und Tritt um die Ohren geschlagen: Werbung für das #Drummeli. Ein hauseigener PR-Verantwortlicher, Plakate, Inserate, Medien-Previews, Social-Media-Kampagnen und Flashmobs auf dem Rümelinsplatz sollen verhindern, dass das Monstre-Trommelkonzert der Stammcliquen dieses Jahr vor halb leeren Rängen über die Bühne geht.

Mehr und andere «Monstres»
Definitiv passati die Tempi der 1960er-Jahre, als Hunderte bei beissender Kälte vor den Vorverkaufsschaltern der Mustermesse übernachteten, um sich Tickets für die populäre Vorfasnachtsveranstaltung zu sichern. Sie war damals die einzige ihrer Art und den Löwenanteil der Billette vergaben die veranstaltenden Cliquen sowieso unter sich. Für ihre Aktiven war der alljährliche Besuch des Monstre Ehrensache und der eigentliche Auftakt zur Fasnacht. Ihre Kinder und Enkel aber lassen den dreieinhalbstündigen Marathon auch in Jahren, in denen sie selber auftreten, zunehmend aus und besuchen stattdessen eine der vielen Konkurrenzveranstaltungen, welche die Mutter aller Vorfasnachtsanlässe in den vergangenen Jahrzehnten geboren hat. Der Vorfreude, welche ältere Semester ans Drummeli koppelten, hat dies keinen Abbruch getan. Aber der Vorfasnachtsgeist konzentriert sich heute nicht mehr auf eine Bühne. Und ist entsprechend verdünnt.

Mehr und andere Medien
Neben der inflationären Zunahme vorfasnächtlicher Anlässe mögen auch die Veränderungen in der Medienlandschaft zum verbreiteten Eindruck beigetragen haben, dass die mentale Vorbereitung auf die «scheenschte drey Dääg» weniger intensiv wahrgenommen wird als früher. Vor der Übernahme der «Basler Nachrichten» durch die «National-Zeitung» sassen beispielsweise in beiden Redaktionen profunde Kenner der Szene, die der Fasnacht und ihren Begleiterscheinungen bis tief in Cliqueninterna breiten Raum in den Spalten ihrer Publikationen erkämpften.

Diese Konkurrenz belebte das Geschäft über die Fusion hinaus, indem die profiliertesten Koryphäen auch in der fusionierten «Basler Zeitung» die einschlägige Berichterstattung kultivierten und sich dabei perfekt ergänzten: Urs Hobi (BMG) und Willi Erzberger (VKB) waren zuständig für Kritik und Sarkasmus; -minu (Lälli, Gwendolyner etc.) und Dominik Heitz (VKB) für Sachliches und Sentimentales. Damals verzeichneten auch die Radio- und TV-Rückblicke der SRG-Monopolisten am Freitag- und Sonntagabend nach der Fasnacht Rekordeinschaltquoten, der ebenso exklusive Schallplatten-Querschnitt von Hug wurde mit höchster Spannung erwartet («Simmer druff?») und in einer Zeit, wo tout Bâle noch nicht mit dem Smartphone Selfies im Goschdym schoss, pilgerte es nach dem Ändschtreich zu den Schaufenstern der städtischen Fotogeschäfte, um aus den ausgehängten Bildern diejenigen vom eigenen Cliquenzug zu bestellen. Anstelle dieser rationierten und dafür umso stärker wahrgenommenen Angebote trat mit dem Aufkommen der Lokalradios, des regionalen Fernsehens, der Online-Portale und nicht zuletzt der sozialen Medien eine Flut von Inhalten, die das Angebot zwar massiv ausweitete, gleichzeitig aber in Wahrnehmung und Wirkung abschwächte. Heute verbreiten nicht mehr nur die «Mainstream»-Medien auf wenige Wochen konzentrierten Fasnachtsgeist. Heute weht er auf Facebook & Co. das ganze Jahr. Und verliert durch Gewöhnung an Intensität.

Mehr und andere Menschen
Die Hauptursache dafür, dass viele geborene und eingeborene Bebbi beiderlei Geschlechts in letzter Zeit das Ausbleiben des erwartungsvollen Kribbelns beklagen, ist jedoch in gesellschaftlichen Veränderungen zu suchen, deren Auswirkungen sich auch oder gerade die Basler Fasnacht nicht entziehen kann. Im Rückblick sind deren «goldenen Jahre» in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts zu verorten und begannen ab 1960 mit der Eroberung der bisherigen Männerdomäne durch das schwache Geschlecht. Mädchen und Frauen strömten in Scharen in die Piccolo-Sektionen, die sie heute dominieren, und sie konkurrierten zunehmend auch die Tambouren bis hin zur heutigen faktischen Gleichberechtigung in den Trommelgruppen. Parallel zu dieser Feminisierung der Aktivitas verzeichneten die Jungen Garden der Stammcliquen verstärkt Zulauf von Buben und Mädchen, die dem Beispiel Gleichaltriger oder ihrer Eltern folgten: Fasnacht machen wurde «cool», war «mega». Und nicht zuletzt kam es in dieser Epoche zu einem Gründungsboom von Alten Garden, in die sich ältere Fasnächtlerinnen und Fasnächtler vor dem zunehmenden Leistungsprinzip der Stammcliquen zum «Gniesse», «Schlurbbe» oder «Haimelige Verschnuuffe» zurückzogen. Dieser «Hype» an allen Fasnachtsfronten infizierte und beflügelte nicht nur die Beteiligten und ihr Umfeld, sondern wirkte sich auch auf die Wahrnehmung bei den Unbeteiligten aus. Es war die Zeit und es herrschte jene Stimmung, welcher Nostalgiker heute nachtrauern. Der Fasnachtsgeist wehte überall. Und in hoher Konzentration. Heutzutage trifft er auf eine andere Stadt. Andere Menschen. Eine andere Bevölkerung. Diese wächst zwar, aber die Zuziehenden kommen aus Ländern und Kulturen ohne fasnächtliche Tradition. Sie nehmen den weltkulturnominierten Dreitage-Event an ihrem neuen Wohnort höchstens als passive Konsumenten wahr. Dass es der Fasnachtsgeist unter diesen Umständen schwerer hat, flächendeckend zu elektrisieren, liegt auf der Hand.

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