Eva sitzt kraftlos auf dem Boden, den Blick gesenkt. «Stell dir vor, man entführt dich in einen grossen weissen Raum», sagt sie. «Es gibt keinen Ausgang. Aber es ist dir egal. Es ist dir egal, ob du überlebst, ob du etwas zu essen bekommst, ob du jemals wieder einen Menschen siehst.» Sie hebt den Blick. «Genauso ist es.»

Wenige Sekunden später wird sie aufspringen, lachen und ihre Kollegin bitten, ihr ein Brötchen vom Bäcker mitzubringen. Ihr Text gehört zum Stück «Alles oder nichts», es ist Proben-Pause.

Wer die 24-jährige Studentin sieht, denkt nicht an Krankheit. Gepflegter Kurzhaarschnitt, gute Figur, neugieriger Blick. Aber die Gleichgültigkeit, diesen ausweglosen weissen Raum, von dem ihr Bühnentext handelt, kennt Eva aus eigener Erfahrung. Seit über fünf Jahren leide sie an Anorexie und Bulimie, Mager- und Ess-Brech-Sucht, sagt sie. Ihr Lachen verschwindet. Lange wusste niemand, dass sich ihr Leben nur noch darum drehte, möglichst wenig zu essen oder Nahrung wieder zu erbrechen. Vor einem halben Jahr suchte sie Hilfe und ist nun in psychiatrischer Behandlung.

In dieser Zeit entdeckte sie eine Annonce, in der Mitwirkende für ein Theaterprojekt zu Essstörungen gesucht wurden. Das Inserat hatte Stephan Laur aufgegeben. Der Basler Filme- und Theatermacher arbeitet seit Jahren mit Menschen in speziellen Lebenslagen. 2010 entwickelte er mit krebskranken Kindern und Jugendlichen ein Theaterstück zu ihrem Leben mit der Krankheit. 2012 folgte der Dokumentarfilm «Planet Hoffnung» mit denselben Jugendlichen.

«Projekte mit Betroffenen haben eine eigene Kraft», sagt Laur, «sowohl für die Darsteller als auch für die Zuschauer». Diese Kraft wollen er und Co-Regisseurin Barbara Imobersteg auch mit «Alles oder nichts» erreichen. Premiere ist am 22. August um 20 Uhr im Basler Unternehmen Mitte, weitere Vorstellungen folgen dort und im Kulturhotel Guggenheim in Liestal. «Es handelt sich nicht um therapeutisches Theater», betont Laur. «Wir arbeiten mit Laien, haben aber einen künstlerischen Anspruch.» Ebenso wichtig sei es, Vorurteile zu Essstörungen abzubauen.

Fachliche Beraterin ist Barbara Rost, ehemalige Leitende Ärztin der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel (UPK). In der Öffentlichkeit gebe es viele Missverständnisse zu Anorexie und Bulimie, sagt sie. «Verbreitet ist die Annahme, dass die erkrankten jungen Menschen, wenn sie nur wollten, ihr Verhalten korrigieren könnten», so Rost. «Das ist falsch. Es handelt sich um psychosomatische Erkrankungen, die den gesamten Organismus ergreifen und Denk- und Wahrnehmungsabläufe im Gehirn verändern.»

In der Schweiz sind 3,5 Prozent der Menschen im Lauf ihres Lebens von einer Essstörung betroffen, so der Befund einer Studie im Auftrag des Bundesamtes für Gesundheit. Oft gehen Magersucht und Bulimie dabei ineinander über.

So auch bei Anji, 21. Seit neun Jahren sei sie krank, sagt sie. «Ich ging mit Bulimie in die Klinik und kam mit Anorexie wieder raus.» In ihrem Umfeld stiess sie auf viel Unverständnis. «Manche fanden, ich sei nicht dünn genug für eine Essstörung.» Diese Reaktion habe sie erschreckt. «Viele denken, wer magersüchtig ist, ist bloss eitel und will aussehen wie ein Model. Aber die Gründe sind vielfältiger.» Um Selbstbehauptung, Selbstbestrafung und Selbstkontrolle gehe es. Das Aussehen sei ein Grund fürs Hungern und Erbrechen, aber längst nicht der einzige oder wichtigste. «Bei mir hängt vieles mit der Familie zusammen, mit Mobbing und Gewalt», sagt Anji. Einer ihrer Arme ist übersät mit Narben von Schnittwunden.

Gegen aussen perfekt aufzutreten, gehört bei vielen Betroffenen zur Krankheit. Krisen spielen sich ohne Zuschauer ab. «Wir tragen immer eine Maske», sagt Eva. Anji ergänzt: «Wir sind es gewohnt, im Alltag zu schauspielern.»

Aus dem Alltagsschauspiel wird nun ein Bühnenstück, das auch verborgene Seiten von Magersucht und Bulimie zeigen soll. Nicht alle Mitwirkenden haben oder hatten eine Essstörung. Wer krank ist und wer gesund, werde man ihnen nicht ansehen, sagt Laur. «Niemand spielt sich selber, und niemand steckt akut in der Krankheit drin.» Doch Eva und Anji sind weit davon entfernt, sich selbst als gesund zu bezeichnen. «Zehn Jahre habe ich damit sicher noch zu tun», sagt Eva.

Dann geht die Probe weiter. Anji spielt Geige – eine leichte, zarte Melodie, die plötzlich umschlägt in schrille Dissonanzen. Mit ihrer Musik legt sie für einen Moment ihre Maske ab und gibt zerstörerischer Wut, aber auch grosser Kraft Ausdruck. Dann senkt sie die Geige und lächelt wieder.

* Namen geändert.

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