Regula Nebiker stand im Schatten ihres Vaters, dem verstorbenen SVP-Nationalrat Hans-Rudolf Nebiker. Anfangs dachte sie, dass sie seine politische Haltung teile. Um 1980 gründete sie mit Dieter Völlmin, der bis vor kurzem das Kantonsspital Baselland präsidierte, die Junge SVP Baselland. Nebiker war die Sekretärin der Männertruppe. Es war ein Projekt von kurzer Dauer. Nach wenigen Monaten leerte das Gründerteam die Parteikasse für ein Skiwochenende und löste sich auf. Die SVP war für Nebiker die falsche Wahl. Sie bemerkte einen «tiefen Widerspruch» in den Reden ihres Vaters. Er sprach für die Heimat und gegen einen starken Staat. Für die Tochter gehört das zusammen. Mit 30 trat sie der SP bei.

Nun ist sie 57 Jahre alt. Zu alt, um Regierungsrätin zu werden. Das sagte sie vor zwei Jahren in der «Tageswoche». Nun sagt sie: «Ich wollte Jüngeren nicht im Weg stehen. Von den jüngeren Frauen zeigte bisher aber leider niemand Interesse.» Ihr Alter sieht sie deshalb doch nicht mehr als Problem. Für die Regierungswahlen Anfang 2015 bewirbt sie sich als Kandidatin. Mit grossen Schritten stolziert die klein gewachsene Frau durch das Staatsarchiv Baselland, das sie seit 14 Jahren leitet. Sie strahlt bei jedem Satz. Selbst wenn sie Aussagen macht, die andere mit einem ernsten Blick unterstreichen würden, behält sie ihr strahlendes Lächeln bei. Sie kombiniert den Charme einer Maya Graf mit der Bissigkeit einer Susanne Leutenegger.

Über ihren Parteikollegen Urs Wüthrich, der als Regierungspräsident ihr Vorgesetzter ist, sagt Nebiker: «Er hätte früher spüren müssen, dass in der Lehrerschaft Widerstand entsteht.» Aber nicht nur er, die gesamte Kantonspolitik habe versagt: «Es ist eine verunglückte Legislatur.» Schuld seien alle, die Parteien und die Wählerschaft. «Sie haben es verpasst, neue und gute Leute für Regierung und Landrat aufzustellen», kritisiert Nebiker. Während Parteikollegen bereits Aufbruchstimmung in der Regierung zu spüren glauben, bleibt Nebiker skeptisch. Die Regierung habe sich noch nicht gefunden und trete nicht überzeugend auf. «Anstatt die Probleme anzupacken, schiebt sie diese vor sich her», sagt Nebiker. Besonders ungeschickt sei, dass die Mehrheit der Regierung die Kantonsfusion vehement ablehne. «Stattdessen sollte sie Gesprächsbereitschaft signalisieren», findet die Liestalerin.

Die Staatsarchivarin hat sich schon früh auf die Seite der Fusionsbefürworter geschlagen. Sie sitzt im Komitee «ein Basel». Dafür musste sie Kritik einstecken. Als Chefbeamtin dürfe sie sich nicht für die Abschaffung ihres Staatswesens einsetzen, warf man ihr vor. Auch darauf antwortet sie mit einem Lachen. «Das ist genau wieder diese Mauer im Kopf.» Die Mauer der Fusionsgegner, welche die Geschichte für ihre Zwecke instrumentalisieren würden.

Nebiker will aufräumen mit der Legendenbildung um die Kantonsgründung. Eine nüchterne Fassung hat sie im Auftrag der Regierung verfasst. Als Staatsarchivarin schrieb sie den historischen Teil der Regierungsvorlage zur Fusionsinitiative. Ihre Interpretation hingegen behielt sie für sich. Diese würde in der Regierung keine Mehrheit finden.

Aufgebaut worden ist der Kanton laut Nebiker von Juristen, die in Deutschland studiert und sich wegen des wirtschaftlichen Aufschwungs entlang der Hauensteinstrasse niedergelassen hatten. Nebikers Lieblingsdokument ist das erste Regierungsprotokoll von 1832. Ohne Einführung beginnt es mit dem ersten Sachgeschäft, der Legitimation eines unehelichen Kinds. Patriotische Worte findet man nicht.

Das Ziel der Kantonsgründer «war nicht ein eigener Kanton, sondern mehr Demokratie», sagt Nebiker. Die Gründer seien vernetzt gewesen im revolutionären Europa. Nebiker bilanziert: «Der Kanton Baselland ist aus einer europäischen Bewegung entstanden.» Deshalb gehöre es zum Wesen des Kantons, dass man die Strukturen immer wieder überprüfe. Selber rühmt sich Nebiker, Grenzen überwunden zu haben. Seit 2012 sitzt sie im Liestaler Stadtrat, der durch ihre Wahl einen Linksrutsch erfahren hat. Liestal blühe auf, sagt sie. «Mein grösster Erfolg im Stadtrat ist, dass wir bei der Wasserversorgung besser mit den Nachbargemeinden zusammenarbeiten.» Früher habe in den Köpfen eine Grenze dominiert: der Liestaler Bann. «Nun verliert dieser an Bedeutung», freut sie sich. Plötzlich sei auch ein gemeinsamer Kindergarten mit Lausen vorstellbar.

Nebiker glaubt zu wissen, wie der Kanton aus der Krise zu führen sei. Die Verwaltungsangestellte sagt: «Man muss die Verwaltung reorganisieren.» Oft fehle es an Projektmanagement. Nebiker fordert die Kantonsangestellten zum Umdenken auf. «Wenn in der Verwaltung Kostentransparenz herrschen würde, wäre die Bereitschaft zum Sparen grösser», meint sie. Selber kann sie diesem Anspruch allerdings nicht gerecht werden. Sie habe es versucht, doch das Staatsarchiv könne die Vollkosten nicht ausweisen, da die Zahlen schlicht nicht eruierbar seien.

Nebiker muss sich mit markigen Worten Gehör verschaffen. Nur so kann sie sich in der Kantonspolitik einen Namen machen. SVP-Landrätin Caroline Mall, die ebenfalls Regierungsambitionen hegt, sagt über Nebiker: «Ich kenne sie nur von Fotos. Sie sieht sympathisch aus.» Selbst die SP-Frauen bleiben zurückhaltend. Landrätin Hanni Huggel findet, dass jetzt vor allem die Wirtschaftskompetenz von SP-Regierungsanwärter Daniel Münger gefragt sei und nicht Geschichtskenntnisse.

Nebiker entgegnet, dass sie die Wirtschaftsoffensive, die bisher «die Entwicklung leider eher behindert», anders organisieren würde. Sie würde die Wirtschaftsentwicklung den Gemeinden überlassen. Der Kanton solle die Gemeinden einzig unterstützen, indem er die Verfahren vereinfacht, etwa jene für die Baubewilligungen. Diese Worte könnten von ihrem Vater stammen.

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