Nur gerade fünf Mal will Anita Fetz den «Börsenguru» Dieter Behring getroffen haben, bevor sie ihn im Sommer 2003 zum Co-Präsidenten ihres Wahlkampfteams «Lets Fetz» berief, das sie in den Ständerat tragen sollte. 20 000 Franken bezahlte Behring als Eintrittspreis und Fetz schrieb: «Lieber Dieter, ich freue mich sehr über Deine Zusage und bin äusserst stolz darauf, Dich im Co-Präsidium des unabhängigen Komitees zu wissen.»

Ein knappes Jahr später führte Behring die frisch gewählte Ständerätin an den politischen Abgrund. Ab März 2004 stellten Journalisten zunehmend kritische Fragen, ob Behring seine ominösen Börsengewinne tatsächlich realisierte oder ob sich dahinter nicht ein betrügerisches Schneeballsystem verberge. Zu Fetz' Stolperstein wurde allerdings weniger die kompromittierende Wahlkampfspende als vielmehr, dass sie mit Behring im Aufsichtsgremium der Stiftung Pro Facile sass. Diese hatte einen Teil der Spenden zwecks wundersamer Vermehrung Behrings Anlagesystem anvertraut. Im Juni 2004 machte die «SonntagsZeitung» Vorwürfe publik, wonach die Stiftung überschuldet sei und Darlehensgelder zweckentfremdet wurden. Fetz ging auf Distanz zur Stiftung, an Behrings Unbescholtenheit wollte sie vorerst noch glauben – und war dabei in guter Gesellschaft.

Auch Ueli Vischer, damals städtischer Finanzdirektor und heute Präsident des Universitätsrats, verteidigte Behring im Sommer 2004. Noch Ende Juli zeigte er sich in einem persönlichen Schreiben an Behring empört über die «zum Teil wirklich bösartigen Artikel über Ihre Person». Er hoffe, dass «sich der Sturm wieder legen wird und dass Sie wieder in Ruhe Ihrer Arbeit nachgehen können». Es kam anders.

Dieter Behring galt seit 2002 in besseren Basler Kreisen als Geheimtipp, um das im Börsencrash von 2001 minimierte Vermögen wieder anwachsen zu lassen. Wie Behring arbeitete, verstand niemand. Vischer schrieb Behring, er habe bei einer Präsentation im Jahr 2003 «einen guten Eindruck» erhalten. Als Nichtfachmann habe er «sicher nicht alles verstanden; das musste ich auch nicht».

Vor allem im Stucki-Restaurant auf dem Bruderholz, wo Behring häufig Gast war, funktionierte die Mund-zu-Mund-Propaganda. Dies zeigen biografische Notizen eines Beschuldigten, die der «Schweiz am Sonntag» vorliegen, sowie beschlagnahmte Kundenlisten. Intensiv waren auch die Kontakte im Kreis der Privatflieger, die sich auf dem Euroairport trafen. Erster Fürsprecher war der ehemalige Flughafendirektor Paul Rhinow, der sogar gegenüber der Eidgenössischen Bankenkommission (heute Finma) eine Referenz für Behring abgab. «Was uns verbindet, ist sein Interesse für kulturelle und auch kulinarische Kostbarkeiten. Trotz der grossen Belastung, die er sich als Computerspezialist zumutet, findet er immer wieder Zeit, sich den schönen Dingen des Lebens zuzuwenden.»

Behring suchte den Anschluss an die Basler Gesellschaft und organisierte grosse Tafelrunden mit prominenter Besetzung. Im Andlauerhof sollte Andreas Schürmann eine Spitzengastronomie mit einem exklusiven Tagungszentrum einrichten. An der Spitalstrasse wollte Behring eine Kunstinstitution mit dem Namen «Botschaft Basel» aufbauen, in der wechselnde Kuratoren namhafte Ausstellungen machen sollten. Ein kleines Museum für seine exquisite Uhrensammlung stellte er ebenfalls in Aussicht. Basel applaudierte dem aus dem Nichts aufgetauchten Zuzüger.

Die Behörden wussten zu diesem Zeitpunkt schon mehr. Ein vertraulicher Bericht der Bundeskriminalpolizei beschreibt, dass die Postfinance bereits am 25. Juni 2004 bei der Meldestelle für Geldwäscherei einen Verdacht gemeldet hätte und die Konten sperrte. Die Meldestelle hegte den Verdacht auf ein Schneeballsystem und schaltete die Bundesanwaltschaft ein. Diese leitete zwar eine Vorermittlung ein, hob die Kontosperre nach einigen Tagen jedoch wieder auf. Dies, weil sie sich «aufgrund der umfangreichen Transaktionen, der Komplexität des Firmengeflechts und der wirtschaftlichen Abläufe» ausserstande sah, in nützlicher Frist die Eröffnung eines offiziellen Ermittlungsverfahrens zu begründen, wie es in den Akten heisst. Hätte die Bundesanwaltschaft mit der Freigabe zugewartet, wäre das System schon damals aufgeflogen, da schon die kurzfristige Sperrung zur Panik im System Behring geführt hatte.

Erst als Ende September 2004 viele Anleger ihr Geld zurück wollten, dieses jedoch nicht mehr beschafft werden konnte, flog das System auf. Die Basler Investorenkreise, die im Juni noch eine «Standing Ovation» auf eine seiner Präsentation zelebrierten, hielten sich nach dem Auffliegen ganz still. Die entstandenen Verluste wurden ohne Aufsehen abgeschrieben. Und die Basler Staatsanwaltschaft war froh, den Fall an die Bundesbehörde abtreten zu können. Nur das seit Jahren leerstehende und unverkäufliche Altstadthaus an der Petersgasse, Behrings Hauptquartier, erinnert noch daran, dass der Fall Behring vornehmlich in Basel spielte.

Auch für Fetz hielt sich der Schaden in Grenzen. Drei Jahre später wurde sie in den Ständerat wiedergewählt, ihr damaliger Konkurrent Andreas Albrecht blieb chancenlos. Die einzige Konsequenz war, dass sie vom Grossen Rat aus dem Bankrat der Basler Kantonalbank abgewählt wurde. Doch selbst diese Niederlage entpuppte sich für Fetz zum politischen Glücksfall: Sie war fein raus, als die Bank durch den ASE-Betrugsfall und das Amerika-Geschäft selbst ins Schlingern geriet.

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