Rada Holenweger verkauft das Strassenmagazin «Surprise» seit sieben Jahren. Der Coop an der Clarastrasse ist ihr Verkaufsort, ihre Begegnungszone. Die Arbeit bedeutet der 68-Jährigen viel, wie es in einer Januar-Ausgabe des Magazins steht: «Zuhause bin ich traurig, weil ich dort alleine bin. Beim ‹Surprise›-Verkauf kann ich mit Leuten sprechen und lachen und ihnen beim Einkaufen zuschauen.» Unter den ihr bekannten Passanten gibt es jedoch eine Ausnahme: Eric Weber.

Der als Querulant bekannte Grossrat soll die «Surprise»-Verkäuferin so lange bedrängt haben, bis sie den Zettel unterschrieb, den er ihr hinstreckte. Jetzt steht ihr Namen auf der Liste von Webers rechtsextremer Partei «Volks-Aktion gegen zu viele Ausländer und Asylanten in unserer Heimat» (VA). Holenweger ist offizielle Kandidatin für den Grossen Rat. Wider Willen. Erst durch die Recherche der «Schweiz am Sonntag» erfuhr sie davon.

Unterschrift für ein wenig Ruhe
Mit der Presse will Rada Holenweger nicht sprechen. Die Auskünfte lässt sie über «Surprise»-Geschäftsleiterin Paola Gallo ausrichten. Sie beschreibt Holenweger als eine «zurückhaltende, korrekte Person, die über Basis-Deutschkenntnisse verfügt». Wie Gallo sagt, sprach Weber die «Surprise»-Verkäuferin wiederholt bei ihrer Arbeit an. Obwohl sie ihn mehrfach weggeschickt habe, sei er zurückgekehrt. «Rada fühlte sich von ihm derart belästigt, dass sie unterschrieb, bloss um Ruhe zu haben. Den Inhalt des Papiers hatte sie nicht verstanden.»

Insistieren, einreden, nicht locker lassen: Mit dieser Methode würden «Surprise»-Verkäufer häufig ausgetrickst, sagt Gallo. Es sind Menschen, die in prekären sozialen und finanziellen Verhältnissen leben. «Auch sie werden mit scheinbar verlockenden Versprechen betrogen.» Gemäss Gallo biete die «Surprise» ihren Verkäufern daher Beratungen an. Ist ein Vertrag jedoch unterzeichnet, kommt diese zu spät. Die Konsequenzen seien nicht selten Schulden. Das droht Holenweger nicht. Dennoch findet die Geschäftsleiterin von «Surprise» deutliche Worte gegenüber Eric Webers Vorgehen: «Es war wohl offensichtlich, dass Rada nicht verstand, was sie unterschrieb. Er hat ihre Freundlichkeit ausgenutzt.»

Weber streitet ab
Davon will der Kopf der Volksaktion nichts wissen: «Ich habe niemanden bedrängt. Das habe ich gar nicht nötig», sagt Weber. Er kenne die «Surprise»-Verkäuferin seit «vielen Jahren». Vor dem Coop an der Clarastrasse verteilt er Flugblätter, preist sich als Grossrat an. Statt als Manipulator der «Surprise»-Verkäuferin inszeniert er sich lieber als deren Wohltäter: «Sie bettelt Leute an. Da dachte ich, es gehe ihr besser, wenn sie im Grossen Rat sässe.»

Weber sieht sich nicht zum ersten Mal mit Manipulationsvorwürfen konfrontiert. Im Juni verurteilte ihn das Appellationsgericht als Wahlfälscher. Die Strafe: 280 Stunden gemeinnützige Arbeit. Der einschlägig vorbestrafte Grossrat hatte 2012 eine Frau dazu gedrängt, illegal ein zweites Wahlcouvert zu beziehen und ihn zu wählen. Der Gerichtspräsident beschrieb ihn an der Verhandlung als einen Menschen, der es verstehe, labile Leute «schamlos» für seine Zwecke zu bearbeiten. Weber selber bestreitet die Vorwürfe. Mit diesen «alten Geschichten» wolle er sich nicht mehr beschäftigen, sagt er. Für ihn stehe nun der Wahlkampf im Vordergrund. Er rechnet im Kleinbasel mit drei VA-Sitzen.

Auch wenn sie genügend Stimmen erhalten würde, wird Rada Holenweger nicht für Webers Partei politisieren. Morgen Montag schickt sie einen Brief an die Staatskanzlei. Sie zieht ihre Kandidatur zurück. Dem Kleinbasel bleibt sie dennoch erhalten: als «Surprise»-Verkäuferin.

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper.