Es ist eine ungewöhnliche Gruppe, die morgens um acht Uhr aus dem Arlesheimer Untergrund steigt. Sechzehn Afrikaner schreiten über die Rampe der Zivilschutzanlage ans Tageslicht der General-Guisan-Strasse. Sie haben sich freiwillig für einen Arbeitseinsatz gemeldet. Mit Stolz tragen sie ihre gelben Leuchtwesten.

Es sei ein gutes Gefühl, arbeiten zu dürfen, sagt Tidros Tekle (30). Er wohnt seit Anfang Monat im provisorischen Bundeszentrum. Er stamme aus dem Sudan und sei über Libyen und Italien in die Schweiz gereist. Sein Einkommen, das er im Sudan als Buchhalter erzielt habe, reiche nicht aus, um sein Leben zu finanzieren. In Arlesheim gefalle es ihm, am liebsten bliebe er hier. Das Leben in der Zivilschutzanlage sei angenehm. Er habe genügend Platz, obwohl fast alle der hundert Plätze besetzt sind.

Besonders freut den Sudanesen, dass er für die Teilnahme am Beschäftigungsprogramm entlöhnt wird. Er würde zwar auch unentgeltlich arbeiten, sagt er. Die 30 Franken, die er pro Tag verdient, bedeuten ihm aber etwas. Immer am Wochenende, wenn die Teilnehmer des Beschäftigungsprogramms den Lohn erhalten, gehen sie alle zusammen ins Dorf, um Telefonkarten zu kaufen.

Nicht gut kommt die Entlöhnung bei der Baselbieter Regierung an. Seit 2014 gilt im Kanton in der Sozialhilfe das sogenannte Gegenleistungsprinzip. Es schreibt vor, dass Sozialhilfebezüger im Rahmen eines Beschäftigungsprogramms keinen Lohn erhalten dürfen. Die gemeinnützige Arbeit gilt als Kompensation für die staatliche Unterstützung. Eigentlich müsste diese Regel auch für die Asylsuchenden von Arlesheim gelten, da sie von der Sozialhilfe unterstützt werden. Doch da es sich um ein Bundeszentrum handelt, sind nicht die kantonalen, sondern die nationalen Regeln massgebend. Nach höchstens drei Monaten im Bundeszentrum werden die Asylsuchenden einem Kanton oder einem Ausreisezentrum zugewiesen. Werden sie Baselland zugeteilt, werden sie in Beschäftigungsprogrammen künftig kein Geld mehr erhalten. Viele Asylsuchende reagieren mit Unverständnis. Sie können nicht verstehen, dass sie im gleichen Kanton arbeiten wie zuvor, aber neu auf einen Lohn verzichten müssen. Derzeit nehmen rund 250 Asylsuchende, die Baselland zugewiesen sind, an Beschäftigungsprogrammen teil. Tendenz steigend.

Der Baselbieter Asylkoordinator Rolf Rossi bezieht Stellung zur widersprüchlichen Regelung: «Darüber sind wir nicht glücklich.» Doch da könne man nichts machen. Das sei eben der Föderalismus. Normalerweise führt dieser allerdings nur zu unterschiedlichen Regeln von Kanton zu Kanton, aber nicht zu unterschiedlichen Regeln im selben Kantonsgebiet.

Bürgerliche Baselbieter Nationalräte fordern den Bund auf, nach Baselbieter Vorbild den Asylsuchenden kein Geld mehr im Rahmen von Beschäftigungsprogrammen zu zahlen. Elisabeth Schneider-Schneiter (CVP) sagt: «Das ist eine absurde Regelung.» Sie unterstützt die Forderung ihrer Partei nach einem generellen Bargeldverbot für Asylsuchende. Damit wollen die Christdemokraten verhindern, dass Flüchtlinge mit Schweizer Geld ihre Heimatländer finanzieren.

Daniela Schneeberger (FDP) wehrt sich gegen Barzahlungen, weil dadurch «eben genau solche Situationen wie in Baselland entstehen, die dann nicht nachvollziehbar sind». Thomas de Courten (SVP) würde noch einen Schritt weitergehen: Er würde die Beschäftigungsprogramme zur Pflicht erklären und jenen Flüchtlingen, die nicht mitmachen, die Sozialhilfe streichen. Der Kanton Baselland ist allerdings schon heute nicht in der Lage, die Nachfrage nach Beschäftigungsplätzen zu decken.

Das Unverständnis der Baselbieter können wiederum die basel-städtischen Sozialhilfebehörden, die derzeit 105 Beschäftigungsplätze anbieten, nicht verstehen. Die Basler Sozialhilfe zahlt ihren Asylsuchenden zwanzig Franken pro Tag für die Teilnahme an Beschäftigungsprogrammen. Asylkoordinatorin Renata Gäumann nennt zwei Gründe, die für die Entlöhnung sprechen: Es handle sich einerseits um einen Anreiz für die Teilnahme an einem Programm und sei andererseits Ausdruck von Wertschätzung für die geleistete Arbeit.

Die Leute in Arlesheim haben andere Gedanken beim Anblick der dunkelhäutigen Arbeitstruppe. Eine Autofahrerin schüttelt beim Vorbeifahren demonstrativ den Kopf. Positiv reagiert eine Einfamilienhausbesitzerin, die sich aus ihrem Fenster lehnt und den Afrikanern zuruft: «Das habt ihr aber schön gemacht.» Die Flüchtlinge entfernen auf ihrer Strasse das Unkraut aus den Trottoirritzen – eine Arbeit, für welche die Mitarbeiter des Arlesheimer Werkhofs keine Zeit haben. Arlesheim wird so sauber wie nie zuvor.

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