VVerschwörungstheorien sind die Welt des Willy Surbeck (59). Von allen möglichen Seiten sah der langjährige Chefredaktor und Kopf von Telebasel die Unabhängigkeit seines Senders bedroht. Seit einem halben Jahr jedoch, so war Surbeck überzeugt, war nicht Telebasel, sondern er selbst das Ziel dunkler Mächte. Als Roger Thiriet, Präsident der Trägerstiftung, in den Sommerferien das Gespräch über seine berufliche Zukunft suchte, zog Surbeck die Reissleine und verabschiedete sich – per sofort. Er kappte die Aussenkanäle und ist nur noch über eine private E-Mail-Adresse zu erreichen.

Für einmal lag Surbeck auch nicht ganz falsch. Das «System Willy» beruhte darauf, dass beim Regionalfernsehmedium kein Entscheid ohne ihn gefällt werden konnte. Es funktionierte nicht mehr. Surbecks Machtbastionen waren ausgehöhlt und die Widersacher muckten auf: Der als Gegengewicht installierte Geschäftsführer Dominik Prétôt gewann zunehmend an Terrain, im neu formierten Stiftungsrat drängten Neumitglieder offen auf seine Absetzung und auch der politische Druck stieg. Nicht zuletzt die Basler Regierung störte sich an Surbecks Gesprächsverweigerung, mit der er lange Zeit erfolgreich seine Unabhängigkeit von obrigkeitlichen Vorgaben demonstriert hatte.

Die sanfte Revolution, wie sie Thiriet vorschwebte, steht nun auf tönernen Füssen. Der Kommunikationsberater, Sprecher der evangelischen Kirche Basel-Stadt und Kolumnist der «Schweiz am Sonntag» agiert seit zwei Jahren im Auftrag von Regierungsrat Christoph Brutschin (SP), dem das Präsidium statuarisch zustehen würde. Thiriet verkleinerte den Stiftungsrat, verabschiedete Sesselkleber und holte neue Personen. Arbeitsgruppen wurden gebildet, um bis Ende Jahr die Zukunft vorzubereiten, die dann im 2015 ausbrechen sollte.

Doch vor allem redaktionell ist das Eis dünn. Denn nicht nur der Chefredaktor Surbeck, sondern auch der Nachrichtenchef Andreas Schwald verlässt in diesen Tagen den Sender. Auffangen soll dies alles die bisher stellvertretende Chefredaktorin Mirjam Jauslin. Geschäftsführer Dominik Prétôt sagt dennoch, man könne sich Zeit lassen, um einen neuen Chefredaktor zu finden. Prétôt wurde diese Woche von der Stiftung in die Findungskommission delegiert, die mit den Stiftungsräten Michael Bornhäusser und Samuel Hess ergänzt werden – ein bemerkenswertes Trio.

Der ehemalige SRG-Radiojournalist Hess ist Leiter Bereich Wirtschaft im Amt für Wirtschaft und Arbeit (AWA). Damit ist faktisch ein Kantonsvertreter massgeblich damit beauftragt, die publizistische Spitze von Telebasel zu küren. Der zweite Stiftungsdelegierte Bornhäusser hat als international tätiger IT-Investment-Guru gut Geld verdient und ist mittlerweile Teilhaber der Privatbank Sallford. Als Banker investiert er in Technologie-Start-Ups und sieht in Telebasel ein Experimentierfeld, um die digitale Zukunft vor Ort zu installieren. Zu Telebasel wollte er auf Anfrage jedoch nicht Stellung nehmen.

Hess und Bornhäusser sind ein vebandeltes Team. Etwa bei der Innovations-Organisation I-Net, die von Bornhäusser bis vor kurzem präsidiert wurde und auch aus der Abteilung von Samuel Hess von Basel-Stadt mitfinanziert ist. Hess holte Bornhäusser zudem in die Begleitgruppe für die Initiative Kreativwirtschaft, die nach zweijährigem Leerlauf sang- und klanglos eingestellt wurde. Bornhäusser gilt innerhalb von Telebasel als Stichwortgeber für Schlagworte wie «Newsroom» oder «Multi-Channeling», die den neuen Kurs des Senders definieren sollen. Ein Stiftungsrat aus dem zweiten Kreis sagt jedoch, so richtig verstanden habe er nicht, was damit vor allem auch publizistisch erreicht werden solle. Welches Profil den neuen Chefredaktor auszeichnen wird, ist denn auch völlig offen, räumt Prétôt ein.

Telebasel ist ein besonderes Konstrukt. Mit einem Umsatz von 8,5 Millionen Franken und rund 70 Vollzeitstellen ist der Sender mittlerweile nach der SRG der grösste regionale Arbeitgeber im Medienbereich. Die dahinterstehende Stiftung war ursprünglich als Sammelbecken aller gesellschaftlich relevanten Kreise konzipiert. Dies, um einerseits die Unabhängigkeit gegenüber der damals mächtigen Basler Zeitung zu halten und um andererseits den Obolus zu legitimieren, der von den Kabelnetzabonnenten einkassiert wird. Doch von der gesellschaftlichen Verankerung der Trägerschaft ist nichts mehr übrig geblieben. Die Stiftung führt ein Eigenleben ohne erkennbares Profil.

Willy Surbeck, an jedem gesellschaftlichen Anlass präsent, wurde in der Region als inkarniertes Telebasel wahrgenommen. Der Sender hatte ein Gesicht, was das legitimatorische Vakuum mehr als nur kompensierte. Mit seinem abrupten Ausscheiden tritt nun jedoch offen zutage, dass der Status von Telebasel in der Medienlandschaft ungeklärt ist. Surbeck hätte sicher die Verschwörungstheorie bereit, welch dunkle Mächte sich nun des Senders bemächtigen werden. Doch Surbeck schweigt.

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