Dass Patienten ausrasten, kommt auf der Basler Notfallstation immer wieder vor. Einen Gewaltexzess wie im letzten Juli hat das Pflegepersonal aber noch nie erlebt. Ein Patient griff eine Pflegerin an, weil er sie verdächtigte, sein Portemonnaie gestohlen zu haben. Eine Kollegin eilte zu Hilfe, stolperte und fiel zu Boden. Der Patient trat auf sie ein. Ein Medizinstudent packte den wutentbrannten Patienten von hinten. Dieser verpasste ihm einen Faustschlag gegen die Brille. Erst als eine weitere Pflegerin hinzukam und beruhigend auf den Angreifer einredete, entspannte sich die Situation. Der Patient ging zurück in seine Behandlungskoje und packte seine Sachen zusammen.

Das Personal wähnte sich in Sicherheit und versammelte sich beim Empfangstisch. Doch die Gefahr war nicht gebannt. Der Patient, ein in Münchenstein wohnender Syrer, kehrte zurück. Die Pflegerin, die er des Diebstahls verdächtigt hatte, griff er von hinten an, nahm sie in den Schwitzkasten, schlug mit der Faust auf sie ein, biss sie in den Hals und würgte sie mit beiden Händen. Das Pflegepersonal war überfordert. Doch es hatte Glück im Unglück: Zufällig war der Basler Boxtrainer Angelo Gallina im Spital, um einen Patienten zu besuchen. Er hörte das Geschrei und überwältigte den 34-Jährigen.

So schildert die Staatsanwaltschaft den Ablauf in der Anklageschrift. Sie wirft dem Mann vor, die Pflegerin in unmittelbare Lebensgefahr gebracht zu haben und eine Hirnschädigung durch Durchblutungsstörung in Kauf oder sogar beabsichtigt zu haben. Entsprechend schwer wiegt der vorgeworfene Straftatbestand: versuchte vorsätzliche Tötung. Die Gerichtsverhandlung findet in einem Monat statt.

Das Basler Unispital hat auf den Vorfall reagiert. Noch am gleichen Tag forderte ein Teil des Personals gegenüber «20 Minuten» eine 24-Stunden-Überwachung der Notfallstation. Der Sicherheitsdienst war damals nur nachts präsent. Das Spital wollte die Forderung nicht kommentieren. Nun hat es gehandelt. Sprecherin Sabina Heuss sagt gegenüber der «Schweiz am Sonntag»: «Als Sofortmassnahme haben wir den Sicherheitsdienst massiv ausgeweitet.» Ein dunkel gekleideter Sicherheitsmann ist nun auf der Notfallstation rund um die Uhr im Einsatz. Aggressive oder suizidale Patienten begleitet er auf Schritt und Tritt. Ist die Situation ruhig, patrouilliert er regelmässig durch die Notfallstation. Zum neuen Sicherheitsdispositiv würde auch der Einsatz moderner technischer Hilfsmittel gehören, sagt Heuss. Näher darauf eingehen will sie nicht – aus Sicherheitsgründen.

In den nächsten Monaten wird das Sicherheitsdispositiv weiter ausgebaut. Gemäss Heuss geht es hauptsächlich darum, Gewalt früher zu erkennen, um künftig schneller reagieren zu können. «Wir wollen nie mehr eine Situation erleben wie im letzten Juli», sagt die Spitalsprecherin. Den Betrag, den die Spitaldirektion dafür bewilligte, will sie nicht verraten. Nur so viel: «Die neuen Massnahmen kosten eine Stange Geld.»

Die Liestaler Notfallstation des Kantonsspitals hat schon vor Jahren aufgerüstet, obwohl gewalttätige Patienten in Liestal seltener sind als in Basel, wo nachts vor allem Betrunkene ausfällig werden. Als Chefarzt Nicolas Geigy die Liestaler Notfallstation 2008 übernahm, erstellte er nach Gesprächen mit dem Personal eine Problemliste. Zuoberst auf der Liste stand das Sicherheitsproblem. Über die eingeführte Sicherheitsmassnahme will das Spital keine Auskunft geben. Für jeden Patienten ist sie aber gleich beim Eingang unübersehbar. Es ist ein grosser roter Knopf, der direkt bei der Polizei Alarm auslöst. Der Knopf ist nicht wie auf einer Bank versteckt, sondern soll auch eine präventive Wirkung entfalten. Droht eine Situation zu eskalieren, weist das Personal auf den grossen roten Knopf hin. Oft ist der Konflikt damit bereits entschärft.

Zudem führte das Liestaler Spital eine neue Triage ein. «Meistens werden Patienten aggressiv, wenn sie warten müssen», berichtet Geigy. Seit zwei Jahren nehmen seine Mitarbeiter die Anliegen der Patienten deshalb früher auf: «Dadurch fühlen sie sich ernst genommen, auch wenn sie danach lange warten müssen, bis sie behandelt werden.»

Im Trend sind auf den Spitälern Selbstverteidigungskurse. In Basel und Liestal werden diese dem Personal auf freiwilliger Ebene angeboten. In Liestal wird das Personal auch in der Kommunikation geschult. «Das Personal lernt, wie man aggressive Patienten beruhigt, ohne sie zu belehren und dabei überheblich zu wirken», sagt Geigy.

Im Vorfeld der Euro 08 sei in Liestal sogar die Beschaffung von Pfefferspray geprüft worden. Doch das ging Geigy zu weit: «Wir haben dies verworfen, weil wir als Pfleger arbeiten wollen und nicht als Sicherheitsleute.»

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