Sie war noch keine drei Jahre alt, als ihre Familie von Südafrika in die Schweiz zog. Weg vom Meer und vom Geruch von Seetang, in ein Chalet mit Holzofen im Berner Oberland. Für die damals kleine Margarita Kennedy war der Schock so gross, dass sie ein ganzes Jahr lang nicht mehr sprach. Doch sie fand andere Wege, sich mitzuteilen. Ihr Körper wurde ihr Ausdrucksmittel. Heute spricht Kennedy, Tochter eines Iren und einer Schweizerin, gerne. Doch der Körper ist noch immer ihr Instrument: Die heute 31-Jährige ist inzwischen Tänzerin und Choreografin.

Nun steht, fast dreissig Jahre nach dem Umzug, eine Rückkehr bevor: Als dieses Jahr in Basel erstmals ein Tanzstipendium für Südafrika ausgeschrieben wurde, bewarb sich Kennedy und gewann. Sie wird in Kapstadt oder Johannesburg mit lokalen Tänzern arbeiten und hofft, das Ergebnis dieser Arbeit auch in der Schweiz zeigen zu können.

Für Kennedy, die ihre Ausbildung im niederländischen Arnhem und in Zürich absolvierte, ist der Südafrika-Aufenthalt ein grosser Schritt – für die Tanzszene Basel ist das neue Stipendium ein kleiner Teil in einem grösseren Puzzle von Massnahmen, mit denen das regionale Tanzschaffen gestärkt werden soll.

Eine Stärkung ist nötig, orientiert man sich an der Kritik, die vor rund anderthalb Jahren zuletzt richtig laut wurde. Dominique Cardito, Präsidentin des Basler Tanzbüros, das die Interessen freischaffender Tänzer und Choreografen vertritt, machte im Sommer 2013 ihrem Unmut in der «bz Basel» Luft. Die Förderpraxis schwäche die Szene, so Cardito, kontinuierliche Förderung fehle. Carena Schlewitt, künstlerische Leiterin der Kaserne Basel, konstatierte, die Basler Tanzszene «sei recht klein und noch schwach vertreten». Der kantonale Kulturbeauftragte Philippe Bischof urteilte, die Situation sei «nicht zufriedenstellend», die Stärkung der Basler Tanzszene «dringlich».

Heute klingt es anders. «Es gibt eine Aufbruchstimmung», sagt Schlewitt. Dominique Cardito: «Die Situation hat sich positiv entwickelt.» Das hänge vor allem damit zusammen, dass «alle Seiten» – gemeint sind Fördergremien, Veranstalter und Künstler – besser kommunizierten. Auch laut Boris Brüderlin, in der städtischen Abteilung Kultur für Tanz, Theater und Jugendkultur zuständig, haben sich die verschiedenen Akteure «stärker aufeinander eingelassen und ziehen am gleichen Strick».

Doch was ist, abgesehen von besserer Kommunikation, tatsächlich passiert? Mit dem neuen Stipendium wird der internationale Austausch gefördert. Nach der Rückkehr von Margarita Kennedy kommt ein Tänzer aus Südafrika, nach Basel. Ausgeschrieben wird das Stipendium vom Atelier Mondial, das bis vor kurzem noch als iaab (Internationales Atelier-Austauschprogramm Region Basel) bekannt und bisher auf bildende Kunst ausgerichtet war.

Finanziell handelt es sich um ein bescheidenes Engagement: Die Stipendiaten erhalten 7000 Franken für drei Monate sowie eine Wohnung und Trainingsmöglichkeiten vor Ort. Laut Brüderlin dient das Pilotprojekt dazu, das «Potential von Residenzen im Tanzbereich» auszutesten. Ein Hinweis darauf, dass umfangreichere Angebote in dieser Richtung zumindest angedacht sind.

Als zweite Massnahme führt der Fachausschuss Theater und Tanz der beiden Basel, der Förderbeiträge an Tanzschaffende vergibt, auf 2015 neu «Entwicklungsbeiträge» ein. Diese sind, anders als andere Förderbeiträge, für Recherchen und szenische Experimente gedacht. Das heisst, es muss nicht zwingend eine komplette Produktion entstehen. «So wird das bestehende Fördermodell durchlässiger», sagt Brüderlin. Ideen könnten frei ausprobiert werden, bevor sie zu einer Produktion für ein breites Publikum würden.

Als wichtigen Impuls für die regionale Tanzszene nennen alle Befragten die «Mixed Pickels». Es handelt sich dabei um ein neues Format des Theaters Roxy in Birsfelden, das kurze Tanzstücke zu einem abendfüllenden Programm vereint. Neben bereits etablierteren Tänzern erhält vor allem der Nachwuchs die Möglichkeit, sich zu präsentieren. Bei den ersten «Mixed Pickles» dabei war Margarita Kennedy. Ein Auftritt, aus dem mehr entstand: Am Dienstag feiert sie mit dem Kollektiv Bufo Makmal im Roxy Premiere mit dem Stück «All.es».

Auftrieb gibt der Szene laut Schlewitt und Cardito der Austausch mit international erfolgreichen Künstlern. Diesen treiben Tanzbüro und Kaserne Basel gemeinsam voran: Die Kaserne lädt etablierte Compagnies ein. Und das Tanzbüro organisiert Workshops und Trainings mit den prominenten Gästen für die Profi-Tänzer aus der Region.

Trotzdem bleibt einiges zu tun: «Wir wollen hartnäckig an der Entwicklung des zeitgenössischen Tanzes in der Region Basel festhalten», sagt Brüderlin. «Zurzeit prüfen wir, welche zusätzlichen Massnahmen realistisch und ergiebig sind». Dominique Cardito ortet heute, anders als vor anderthalb Jahren, den Handlungsbedarf nicht nur in der Förderpolitik, sondern auch in der Szene selbst: «Das Ziel ist, dass die Leute noch aktiver werden», sagt sie. «Die Basler Tänzer sollten mehr wagen, auch als Choreografen». Das heisse, sich auch mit Unfertigem zu zeigen, kleinere Experimente zu starten. Dafür müsse sich vor allem die Stimmung verändern: «Vieles läuft gut. Aber die Dynamik ist noch nicht so gross wie anderswo. Wenn eine Atmosphäre entsteht, die das freie Ausprobieren begünstigt, ist viel gewonnen. Daran arbeiten wir.»

Es ist die Zeit eines Generationenwechsels. Nachdem zum Beispiel das Cathy Sharp Ensemble nach vielen erfolgreichen Jahren aufgelöst wurde, müssen sich neue Namen etablieren. Einige, wie Alexandra Bachzetsis oder Tabea Martin, sind längst weit über die Region hinaus erfolgreich, doch noch sind es wenige.

Margarita Kennedy findet vieles von dem, was sie als Tänzerin sucht, bereits heute in Basel. Vor vier Jahren zog sie her, «weil es viele motivierte Tanzschaffende und Unterstützung für den Tanz gibt», wie sie sagt. Schwierig sei, für Tänzer wie für Künstler anderer Sparten, kontinuierlich zu arbeiten: «Man bekommt Unterstützung für ein Projekt und muss mit dem nächsten fast wieder von vorne beginnen.» Was sie nicht davon abhält, genau das zu tun, und Inspiration auch über Basel hinaus zu suchen. Demnächst in Kapstadt und Johannesburg.

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