Die Eidgenossenschaft schenkt allen Teilnehmern der OSZE-Konferenz eine elegante Umhängetasche, prall gefüllt mit Souvenirs. Diese Art der Standortwerbung sei ja sehr charmant, lobt ein französischer Journalist. Dumm nur, dass das Allerwichtigste fehle: ein Stadtplan. Der Franzose hätte diesen besonders nötig. Verzweifelt steht er auf dem Barfüsserplatz. Er hat keine Ahnung, wie er zu seinem Hotel kommen soll. Die OSZE-Hostesse am Empfang im Theater Basel hat ihm gesagt, er solle Tram Nummer 6 nehmen. Doch der Tramverkehr ist immer noch blockiert.

Nach dem Weg zu fragen, traut sich der Franzose nicht mehr. Damit hat er in Basel schlechte Erfahrungen gemacht. Denn er logiert im Kleinbasler White Horse. Er habe nicht gewusst, dass es sich um ein Rotlicht-Etablissement handle, sagt er. Seine Frau habe das Hotel für ihn gebucht. Die Website habe nicht verdächtig gewirkt. Verdacht schöpfte der Franzose erst, als er jedes Mal schräg angeschaut wurde, nachdem er nach dem Weg gefragt hatte.

Russische Journalisten sind nicht auf eigene Faust in der Stadt unterwegs, sondern im Team. Die rund zwölf Leute der russischen Auslandpresse sind es sich gewohnt zusammen zu reisen. Sie haben die Ehre, mit Aussenminister Sergei Lawrow persönlich um die Welt zu jetten. Die Flüge zahlt der Staat, das Hotel der Verlag. Die Auslandpresse wurde nicht etwa aus Moskau nach Basel geflogen, sondern aus Khartum, der Hauptstadt des Sudans, wo Lawrow vor der OSZE-Konferenz auftrat.

Die Berichterstattung vor Ort ist für die Russen nicht der aufregende Teil der Reise. Lawrow hält überall die ungefähr gleichen Reden. Die Journalisten suchen die diplomatischen Nuancen. Der Höhepunkt sei jeweils die Zeit im Flugzeug, erzählt ein Russe. Dann sei Lawrow nicht mehr der spröde Typ, der sich am Rednerpult festklammert. Im Regierungsjet gälten andere Regeln. Lawrow trete dort oft im T-Shirt auf, mache Spässchen und lästere über die anderen Aussenminister. Die Journalisten dürfen die Aussagen zwar nicht direkt zitieren, aber mit Verweis auf «gut informierte Quellen» weitergeben.

Das Reiseprogramm der Russen hängt auch von den Amerikanern ab. Geplant war, dass die russische Maschine Basel am Freitagabend verlässt. Doch Lawrow beorderte seine Journalisten schon am Mittag zum Flughafen. Er war überrascht worden, dass US-Aussenminister John Kerry schon am Donnerstagabend vor dem Gala-Dinner weiterjettete. Deshalb reisen auch die Russen vorzeitig ab. Lawrow sei ohnehin enttäuscht von Kerry, sagt ein russischer Journalist mit Bezug auf «gut informierte Quellen». Russland anerkenne die OSZE zwar als eine der wenigen Plattformen, auf denen man mit dem Westen in Kontakt treten könne, doch ein richtiger Austausch finde nicht immer statt. Als Lawrow seine Rede im Plenarsaal hielt, habe Kerry diesen bereits verlassen.

Guy Morin, der Aussenminister von Basel-Stadt, kennt das Problem. Mit einer Rede die Aufmerksamkeit zu erheischen, ist keine einfache Sache, schon gar nicht an einem Gala-Dinner. Morin versucht es mit netten Worten. Die OSZE arbeite daran, dass über eine Milliarde Menschen in Frieden, Demokratie und Sicherheit leben könne, lobt er in seiner Ansprache des Jahres. Dafür seien die Basler und alle anderen Einwohner von OSZE-Staaten «extremely grateful». Der Basler Dank sei unter anderem das enorme Sicherheitsaufgebot. Morin auf englisch: «The efforts we have made for your well-being and safety whilst in Basel are a small gesture of thanks.» Für den Standort Basel wirbt Morin vor den «Heads of Delegations» mit sechs Beispielen: Novartis, Roche, Syngenta, der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich, der «Baselworld» und der «Art Basel».

Mit auf den Heimweg gibt Morin den Diplomaten Schoggi. Und er erklärt: «Of course, our gift or ‹Bhaltis› in Basel German, has been specially handmade for you from Swiss chocolate by one of the city’s best chocolatiers.» Den Zuschlag erhielt die Confiserie Schiesser.

Einen längeren Auftritt vor dem erlauchten Publikum ergattert sich die Baselbieter Jazzsängerin Lisette Spinnler. Sie spielt mit ihrem Quartett eine Stunde während des Apéros. Mit der Zeit, in der sie an Anlässen für Hintergrundmusik sorgte, hat sie eigentlich abgeschlossen. Für Bundesräte und Aussenminister mache sie aber eine Ausnahme. Konzessionen geht sie auch bei der Songauswahl ein. Sie spielt nicht ihre eigenen Kompositionen, sondern leichte Bossa-Nova-Stücke wie «Girl from Ipanema» und Evergreens wie «Autumn Leaves». Die Diplomaten sollen nicht musikalisch herausgefordert, sondern nach dem anstrengenden Tag beruhigt werden. «Ich hoffe, dass einige die Augen schliessen konnten», sagt Spinnler. Dem Schweizer Aussendepartement musste sie einen Teil der Setliste vorlegen, es habe aber keine Beanstandungen gegeben.

In der Safranzunft intervenieren allerdings zwei Ägypter. Sie wünschen sich italienische Schnulzen, was Spinnler aber nicht bietet. Die Aufforderung ist auch nicht ganz ernst gemeint. Die Herren suchen eher eine Gelegenheit, um mit der hübschen Sängerin in Kontakt zu treten. «Als Frau in dieser männerdominierten Welt zu sein, ist sehr speziell», sagt sie. Der Austausch mit den Ägyptern sei aber sehr interessant gewesen.

Weniger glamourös ist der Alltag der NGO-Vertreter. Sie sind zwar stolz darauf, dass sie OSZE-Präsident Didier Burkhalter die «Basel Declaration» überreichen durften. Doch das Glück wird nicht perfekt. In seiner Eröffnungsrede erwähnt Burkhalter zwar dieselben inhaltlichen Ziele, doch er nennt die «Basel Declaration» nicht explizit beim Namen. Es sind diese feinen Nuancen, die in der Diplomatie den grossen Erfolg bedeuten. Doch namentlich will kein NGO-Vertreter Burkhalter kritisieren. Das wäre undiplomatisch. Ein Program Officer einer NGO sagt, man müsse sich die Rede ohnehin nochmals anhören, vielleicht habe man vor lauter Müdigkeit das entscheidende Wort überhört.

Zum Handshake mit Didier Burkhalter kommt sogar Friedensbrugg-Co-Präsident Marc Joset, um seinen «Basler Appell» zu überreichen. Im Messezentrum sammelt er zudem eifrig ukrainische Visitenkarten. Joset will Kurse in gewaltfreier Kommunikation organisieren. Und obwohl er als Landrat zurücktritt, dringt der Lokalpolitiker in ihm selbst an einer OSZE-Konferenz durch. Es sei ein Witz, dass die Tourismusvereine von Stadt und Land nicht zusammenarbeiteten. Ob der Stadtplan trotzdem vergessen worden wäre?

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper