Die Richter des Baselbieter Verwaltungsgerichts werden Ende Juli in Reigoldswil in eine Gondel der Wasserfallenbahn steigen. Ihr Ziel ist das Seminarhotel auf der Vorderen Wasserfallen. Auf 950 Metern über Meer werden sie einen Augenschein nehmen. Sie haben zu beurteilen, ob es rechtens ist, dass die Waldenburger Gemeindeversammlung die bebaubare Fläche um das Seminarhotel um 60 Prozent erweitert hat.

Die Waldenburger liessen sich 2014 vom Auftritt der Hotelbesitzer Paul Moser und Tom Käslin beeindrucken, die vor sieben Jahren das Berghotel aus den 1950er-Jahren übernommen hatten. Moser ist als ehemaliger Leiter Personalentwicklung der Basellandschaftlichen Kantonalbank in der Region gut vernetzt. Mit seinem Partner stellte er drei Anträge, die einen Ausbau des Seminarhotels mit zehn Bungalows ermöglichen sollten. Das Duo räumte ein, dass die heutige Hotelanlage zu nahe am Wald stehe. Doch daran sei nicht das Hotel schuld, sondern der Wald, der sich in den letzten Jahren dem Hotel genähert habe.

Gegen den Ausbau des Hotels wehren sich Natur- und Vogelschützer. Die Drahtzieherin des Widerstandes ist Susanne Brêchet. Sie reichte zwei Einsprachen in zwei Funktionen ein: eine als Geschäftsführerin des Basellandschaftlichen Natur- und Vogelschutzverbands sowie eine als Präsidentin der von der Regierung gewählten Kommission für Natur- und Landschaftsschutz. Sie sagt: «Die Wasserfallen sind ein Hotspot für den Natur- und Landschaftsschutz. Einen massiven Ausbau der bewohnbaren Fläche verträgt es nicht.» Die Hotelanlage widerspreche schon heute dem Richtplan, der das Gebiet als «Ausflugsziel im Jura» definiert. Dort sind gemäss Raumplanungsgesetz nur Anlagen erlaubt, die öffentlich zugänglich sind wie Restaurants und Buvetten. Geschlossene Gesellschaften für Seminarteilnehmer gehörten nicht dazu.

Die Touristiker können die Bedenken der Naturschützer nicht nachvollziehen. Johannes Sutter, Delegierter des Stiftungsrats der Luftseilbahn, sagt, dass er sich schon immer gewünscht habe, dass die Terrasse des Seminarhotels bewirtet wird: «Aber wir hätten uns nie erdreistet, uns einzumischen.» Das gehe weder die Gondelbahn noch den Staat etwas an: «Wir sind doch nicht in Russland.» Natur und Landschaft würden unter den geplanten Bungalows nicht leiden, sagt er. Beim Tourismus hingegen gehe es ums Überleben von Betrieben.

Ein florierender Seminarbetrieb würde dazu beitragen, dass die Gondelbahn regelmässig ausgelastet ist. Derzeit schwanken die Passagierzahlen stark. An einem schönen Junisonntag werden 1500 Passagiere gezählt, an einem regnerischen hingegen nur 15. An den Umsatzzahlen lässt sich das Wetter ablesen. 2014 war sonnig: 1,5 Millionen Franken Umsatz. In den Vorjahren hatte die Bahn Wetterpech: 1,3 Millionen Umsatz.

Sutter hat mit den Naturschützern schon manchen Streit ausgetragen. Zuletzt, als es um die gescheiterte Verlängerung der Seilbahn auf den Vogelberg ging. Er ärgert sich: «Wir müssen uns öfters dagegen wehren, dass der Tourismus vom Naturschutz zurückgedrängt wird.» Dabei stelle sich die Frage, wer zuerst da gewesen sei. Seine Antwort: «Die Wasserfallen sind seit 60 Jahren ein Ausflugsgebiet. Der Naturschutz ist erst nachher gekommen.» Rückendeckung erhält er von Baselland Tourismus. Kürzlich lancierten die Tourismusorganisationen ausserdem ein Vermarktungskonzept für die «Region Wasserfallen».

Die Offensive der Tourismus-Promotoren wird wahrscheinlich scheitern. Das Kantonsgericht lehnte bereits 1998 einen Ausbau des Seminarhotels ab. Damals gab es einer Einsprache des WWF Recht, der sich dafür einsetzte, dass die Natur auf den Wasserfallen Vorrang vor dem Tourismus hat. Das Gericht rügte die Regierung, die sich dazumal auf die Seite der Hotelbesitzer stellte. Sie habe übersehen, dass der Hotelausbau zu einem Präzedenzfall werden könnte. Auch bei anderen Ausflugszielen könnten Touristiker aus betriebswirtschaftlichen Gründen einen Ausbau geltend machen.

Daraus zog die heutige Regierung ihre Lehren. Diesmal steht sie auf der Seite der Vogelschützer. Sie strich die von der Gemeindeversammlung festgelegte Spezialzone und wies diese an die Gemeinde zurück. Da die Hotelbesitzer rekurrierten, befasst sich nun das Kantonsgericht mit diesem Entscheid.

Auch die Hoteliers haben ihre Lehren aus dem Fall von 1998 gezogen. Damals hielt das Gericht fest, dass der Betrieb auch für Tagestouristen zugänglich sein müsse. Seither sind siebzehn Jahre verstrichen, in denen die wechselnden Hotelbesitzer diese Vorschrift missachteten. Kurz bevor die Richter ihre nächste Aufwartung machen, haben die Besitzer nun eine Buvette eröffnet.

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