Ein Sterbezimmer könnte in einem Wohnquartier kaum besser liegen als an der Hegenheimerstrasse 37 in Basel. Der Eingang liegt abgeschirmt hinter einem Vorplatz, umgeben vom Areal einer Baufirma, einer Tankstelle und einer Garage. Ärztin Erika Preisig, Präsidentin der Sterbehilfeorganisation Eternal Spirit, führt ihr stilles Gewerbe diskret. Die Leichen werden in neutralen Fahrzeugen abtransportiert.

Das Basler Bauinspektorat anerkennt, dass die Sterbehelfer mit grösstmöglicher Diskretion vorgehen. Und dennoch kommt es zum Schluss, dass die psychische Belastung für die Anwohner zu gross sei. Die Behörde hat ein nachträgliches Umnutzungsgesuch von Preisig abgelehnt und drei Einsprachen gutgeheissen. Es ist das erste Mal, dass das Bauinspektorat ein Sterbezimmer beurteilt. Gemäss dem Grundsatzentscheid ist ein Sterbezimmer mit vielen Freitodbegleitungen in einer gemischten Zone, die überwiegend zum Wohnen genutzt wird, nicht zonenkonform.

Die Anwohner beklagten sich, dass sie Angehörige im Hof stehen und weinen sehen würden. Auch den Leichenwagen würden sie trotz der neutralen Lackierung sehr wohl wahrnehmen. Preisig wandte ein, dass die Nachbarschaft das Areal geradezu observiere, was ihre Bemühungen, sie zu schonen, zunichte mache. Es sei gar nicht entscheidend, hält nun das Bauinspektorat fest, was die Anwohner sehen können. Schon alleine ihr Wissen, dass nebenan Sterbebegleitungen stattfänden, könne eine psychische Belastung darstellen. Die Behörde vergleicht Sterbe- mit Sexbetrieben: Beide könnten sogenannte negative ideelle Immissionen verursachen.

Bauinspektorin Luzia Wigger betont, dass sie in jedem Fall eine Interessensabwägung vornehme. An der Hegenheimerstrasse stuft sie die Anliegen der Anwohner höher ein als jene von Eternal Spirit: «Eine Freitodbegleitung nimmt man höchstens einmal im Leben in Anspruch. Eine sterbewillige Person ist deshalb nicht auf eine alltägliche Umgebung angewiesen. Es ist für sie nicht relevant, ob sie in einer Industriezone oder in einer gemischten Zone stirbt.»

Das Bauinspektorat stützt sich auf ein Bundesgerichtsurteil, das Dignitas 2010 den Betrieb eines Sterbezimmers in Wetzikon (ZH) aus den gleichen Gründen untersagt hat. Dort wurden praktisch täglich Freitodbegleitungen durchgeführt. Ein Sterbezimmer von Exit in Binningen, das ebenfalls in einer gemischten Zone liegt, wurde vom Baselbieter Bauinspektorat jedoch bewilligt. Die basel-städtische Behörde sieht den Unterschied in der Anzahl der Sterbebegleitungen: In Binningen sind es rund acht pro Jahr, im Hegenheimerquartier etwa eine pro Woche. Diese Intensität sei nicht zonenkonform.

Der Entscheid ist rechtskräftig: Der Betrieb muss bis Ende Februar eingestellt werden. Ärztin Preisig hatte ohnehin angekündigt, das Sterbezimmer aufzugeben. Jedoch aus einem anderen Grund: Die vorgeschriebenen Sanierungen der Wasserleitungen seien zu teuer. Preisig hielt dennoch an ihrem Baugesuch fest, da sie einen Grundsatzentscheid wollte. Nun suche sie einen neuen Standort in einem Industriequartier.

Preisig kritisiert: «Basel ist nun in einer ähnlichen Situation wie im Mittelalter, als die Selbstmörder ausserhalb der Stadt begraben werden mussten.» Der Vergleich von Sterbe- und Sexbetrieben ärgert sie. «Sex ist etwas, das oft mit dem Betrügen eines Ehepartners zu tun hat und Leben und Familien zerstört», sagt sie. Durch einen begleiteten Freitod hingegen würden Familien zusammengeführt, da sie dabei fast immer anwesend seien. Es sei unhaltbar, das Sexgewerbe mit einer «Kultur des guten Sterbens» zu vergleichen: «Denn Sterbekultur ist Liebe, Sex hat nichts mit Liebe zu tun.»

Preisig hält einen anderen Vergleich für angebracht: jenen mit einem Hospiz. Sie bezweifle, dass es dort so viele schöne Momente und so viel Freude gebe wie in ihrem Sterbezimmer: «Deshalb verstehe ich nicht, weshalb die Behörde Hospize in Wohnquartieren anders einstuft als unser Sterbezimmer.» Bauinspektorin Wigger entgegnet: «Die seelische Belastung für die Umgebung ist grösser, wenn jemand in kurzer Zeit lebend ankommt und tot wieder herauskommt.»

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