Von Annika Bangerter und Andreas Maurer

Liestal träumt seit Anfang Woche wieder davon, Universitätsstandort zu werden. Ein Umzug der Wirtschaftswissenschaftlichen und der Juristischen Fakultät in den Landkanton ist universitätsintern zwar tatsächlich ein Thema. Ein anderer Standort hat jedoch bessere Chancen als Liestal: der Dreispitz.

Zur Diskussion steht das wenige Meter von der Kantonsgrenze entfernt gelegene Areal der ehemaligen Arfa Röhrenwerke. Erste Gespräche zwischen dem Münchensteiner Gemeindepräsidenten Giorgio Lüthi und Vertretern der Universität fanden bereits statt. Nun stehen Verhandlungen mit der Bodenbesitzerin, der Christoph Merian Stiftung, an. Auch der Gemeinderat werde die Pläne noch diskutieren, sagt Lüthi. Er selbst hat sich bereits eine Meinung gebildet: «Persönlich würde ich es begrüssen, wenn die beiden Fakultäten nach Münchenstein kämen. Der Standort auf dem Dreispitz wäre räumlich ideal.»

Der Aufstand der Dekane
Ein Umzug nach Liestal kommt für die Professoren der Wirtschaftswissenschaftlichen und der Juristischen Fakultät nicht infrage. Auf Anfrage äussern sich erstmals die beiden Fakultätsvorsteher zu den Liestal-Plänen. Wirtschaftsdekan Yvan Lengwiler warnt vor einem «schlechten Deal» für Baselland. Jus-Dekanin Corinne Widmer Lüchinger sagt: «Je weiter entfernt vom Stadtzentrum wir sind, desto schwieriger wird es sein, uns im Markt zu behaupten.» Sie meint damit den Wettbewerb um die besten Forscher sowie um Konferenzen und Weiterbildungen, für die eine städtische Anbindung wichtig sei.

Auch bei den Studierenden befürchtet Widmer eine Abwanderung an andere Universitäten. Viele würden zur Finanzierung ihres Studiums einer Teilzeitarbeit in der Stadt nachgehen. Diese mit den Vorlesungen zu koordinieren, sei schon heute teilweise schwierig. Das Fazit der Jus-Dekanin: «Ein Standort im Kanton Baselland scheidet nicht von vornherein aus, doch müsste der Weg in die Stadt wesentlich einfacher sein als von Liestal aus.»

Die Baselbieter SP-Nationalrätin Susanne Leutenegger Oberholzer musste sich diese Woche von ihren Kollegen viel Kritik anhören, weil sie Liestal als «Provinz» bezeichnete. Innerhalb der Uni wird diese Einschätzung jedoch geteilt. George Sheldon, Professor für Arbeitsmarktökonomie, sagt: «Eine Universität verbindet man mit einem städtischen Zentrum und nicht mit einem ländlichen Vorort.» Viele Auswärtige würden zwar den Unterschied zwischen Basel-Stadt und Baselland nicht kennen: «Aber spätestens wenn sie in Liestal angekommen sind, werden sie ihn realisieren.» Ein Standort auf dem Land mache nur Sinn, wenn der gesamte Campus auf der grünen Wiese gebaut würde wie der ETH-Campus auf dem Zürcher Hönggerberg.

Silvio Borner, emeritierter Ökonomieprofessor, sagt: «In der Uni Basel besteht kein grosses Zusammengehörigkeitsgefühl, weil sie kein richtiges Zentrum hat. Verteilt man die Standorte auf zwei Kantone, wird die Führungsstruktur noch komplizierter.» Er teilt die Position der Baselbieter SVP: «Eine Kündigung des Univertrags wäre ein heilsamer Schock gewesen. Die Uni hätte ihre Wachstumsstrategie hinterfragen müssen.» Er würde stärker auf Qualität setzen, auf eine Elite-Universität.

Ein finanzieller Unsinn
Rolf Weder, ehemaliger Studiendekan der Wirtschaftsfakultät, stellt fest, dass in der Diskussion bisher ein zentraler Punkt zu wenig beachtet worden sei: Alle Veranstaltungen im Bachelorstudium fänden im Kollegienhaus am Petersplatz statt. Nur die Masterstudenten werden im Jakob-Burckhardt-Haus beim Basler Bahnhof unterrichtet. Weder sagt: «Unser Bachelorstudiengang nutzt geschickt, wie ich glaube, die Tatsache, dass wir als Fakultät Teil einer Volluniversität sind.» So erwerben die Bachelorstudenten auch an anderen Fakultäten Kreditpunkte, etwa mit Ethik-Vorlesungen bei den Philosophen. Studenten anderer Fakultäten wiederum studieren Wirtschaft im Nebenfach. «So können wir helfen, Vorurteile gegenüber den Wirtschaftswissenschaften abzubauen», sagt Weder.

Ein Umzug nach Liestal hätte zudem einen massiven Ausbau der Infrastruktur zur Folge. Es müssten parallele Strukturen zum Petersplatz geschaffen werden. Ein Professor rechnet vor, dass zwei Hörsäle mit 400 und drei mit 100 Plätzen plus diverse Seminarräume zusätzlich erstellt werden müssten. Zudem müsste der Bestand der Fakultätsbibliotheken aufgestockt werden. Das kostet. Doch Baselland will sparen. Je näher der neue Standort bei der Stadt liegt, desto günstiger wird er.

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