Im Migros-Regal findet ein Kampf um die Deutungshoheit statt. Es geht längst nicht mehr darum, welches Gemüse besonders gesund ist. Es geht darum, welches Gemüse für die beste Ideologie steht. Sie soll der politisch korrekten Einkäuferin das Gefühl vermitteln, mit grossem Konsum etwas Gutes zu tun. Etabliert sind in der Migros zwei Labels: «Bio Suisse» und «Aus der Region». Beide haben ihre Widersprüche. Bio-Tomaten werden selbst im Sommer mit dem Lastwagen aus Italien importiert. Regionalprodukte sind dafür meist nicht bio und stammen aus industriellen Grossbetrieben.

Im Preissegment zwischen den teuren Bio-Produkten und den etwas günstigeren Regionalprodukten hat die Migros Basel ein neues Label lanciert: Im MParc auf dem Dreispitz verkauft sie in einem Testlauf Gemüse und Fisch der «Urban Farmers». Diese sogenannten Stadtbauern produzieren auf einem nahegelegenen Dach in einer 260 Quadratmeter kleinen Pilotanlage. Die Tomaten wachsen in einer künstlichen Welt namens Aquaponik. Die Fische leben in Aquakultur und düngen die Pflanzen in Hydrokultur.

Nun plant die Migros auf dem M-Parc-Dach die grösste Aquaponik-Anlage der Region. Für 2,7 Millionen Franken will sie 2016 eine 1500 Quadratmeter grosse Dachfarm bauen, die jährlich zehn Tonnen Fisch und 25 Tonnen Gemüse produzieren soll. Doch noch sind viele Fragen offen. Die Migros hat sich mit den Urban Farmers etwa noch nicht auf einen Preis geeinigt, zu dem sie die Produkte bezieht.

Die Urban Farmers AG, ein vom Bund und der Christoph Merian Stiftung unterstütztes Spin-off-Unternehmen der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften, kämpft in der Pilotanlage mit Problemen. Die Reinigungsarbeiten sorgen für Produktionsunterbrüche. Und gewisse Produkte wie Salat und Tomaten reagieren in der Hydrokultur mit gegenseitiger Unverträglichkeit. Die Urban Farmers sind überzeugt, diese Kinderkrankheiten überwinden zu können.

Die grösste Herausforderung für den Verkauf von Urban-Farmers-Produkten im grossen Stil wird die Positionierung auf dem Label-Markt sein. Sie sind höchstens dann rentabel, wenn sie zu teuren Bio-Preisen verkauft werden können. Doch das Biolabel wird den Urban Farmers verweigert. Dafür gilt in der Schweiz eine bodengebundene Produktion als Voraussetzung. Stephan Jaun, Sprecher von Bio Suisse, erklärt: «Wir sind überzeugt, dass gehaltvolle und gesunde Lebensmittel nur produziert werden können, wenn sie an den Boden und in ein Ökosystem gebunden sind.» Eine Aquaponik-Farm funktioniert zwar auch mit einem Kreislaufsystem. Doch da dieses losgekoppelt ist von der natürlichen Aussenwelt, darf es nicht als bio bezeichnet werden.

Bio Suisse findet es zwar sinnvoll, dass Nahrungsmittel vermehrt auch in Städten produziert werden. Der Verband begrüsst gemäss Jaun aber vor allem Konsumentenbewegungen wie Urban Agriculture. Dabei handelt es sich um Hobbygärtner, die ihre Tomaten in Kisten oder kleinen Beeten pflanzen. Diese Produktionsart ist ökonomisch bedeutungslos. Doch dafür leben echte Würmer und Käfer in der Erde.

Die Urban Farmers arbeiten an einer Marketingstrategie, die ihre Produkte als Deluxe-Version von Bio-Produkten mit frischerem Geschmack darstellt, ohne sie explizit als bio zu bezeichnen. CEO Roman Gaus sagt: «Urban-Farmers-Produkte ohne Biolabel werden nicht weniger gekauft als mit Label, weil unsere Kunden den Unterschied zwischen nachhaltig und bio-zertifiziert verstehen und unser System intuitiv auch sehr biologisch ist mit dem geschlossenen Kreislauf. Da brauchen wir eigentlich kein Label mehr.» Trotzdem hofft er insgeheim, irgendwann doch noch die ersehnte Zertifizierung zu erhalten. Er verweist auf diverse Initiativen in der EU, die Hors-sol-Produkte ebenfalls als bio zertifizieren wollen, wenn die Düngerquelle wie bei den Urban Farmers organischer Herkunft ist und für den Pflanzenschutz nur Bio-Hilfsmittel genutzt werden. Die Urban Farmers hoffen, dass sich die Ideologie ihnen anpasst.

Die Vermarktungsstrategie kann nur aufgehen, wenn es in der Aquaponik-Anlage zu keinen Vorfällen kommt. Heikler Punkt ist dabei die Produktion der zehn Tonnen Fisch. Um den Tierschützern wenig Angriffsfläche zu bieten, wird ein spezielles Tötungsverfahren eingesetzt. Die Fische werden im Wasser mit Elektronarkose getötet. Die Fische können dadurch «rund», ohne den Fischkörper aufzuschneiden, auf Eis gelegt und transportiert werden.

Die Urban Farmers haben sich bereits Berechnungen zurechtgelegt, um ihren Tilapia als «guten» Fisch im Regal positionieren zu können. So soll diese pflanzenfressende Fischart mit weniger Ressourcen als etwa Lachse produziert werden können: Pro Kilogramm Filet würden rund 600 Gramm Fischmehl und 400 Gramm Fischöl eingespart. Andreas Graber, Forschungschef der Urban Farmers, sagt aber auch: «Ökobilanzen sind Glaubenssache.»

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