Selbst nach monatelangen Reisestrapazen wird den Flüchtlingskindern keine Verschnaufpause gegönnt. Bereits am ersten Tag nach ihrem Antrag auf Asyl müssen sie wie alle anderen Schweizer Jugendlichen die Klassenbank drücken.

Aber nicht nur die Flüchtlingskinder sind gefordert, sondern auch das Schulsystem. In Basel-Stadt setzt man bisher auf die Integration in Regelklassen sowie auf begleitenden Deutschunterricht. Simon Thiriet, Sprecher des Basler Erziehungsdepartements, sagt, man beobachte die Situation genau. «Sollte sie sich zuspitzen, werden wir Massnahmen ergreifen.»

Im Baselbiet sind Massnahmen nötig geworden. Bisher fand der Unterricht der Fremdsprachigen über den Kanton verteilt in fünf Kleinklassen statt. Nun plant Baselland angesichts des Anstiegs der Flüchtlingszahlen weitere Klassen.

Bereits seit den Herbstferien bilden vier afghanische Teenager an der Sekundarschule in Reinach eine Schicksalsgemeinschaft. Tarik* sagt, sie alle wollten nur eins: in der Schweiz bleiben. Ob man nun Sunnit sei wie er oder Schiit wie Milan oder Arman, spiele keine Rolle. Ein Besuch der «Schweiz am Sonntag» in der neuen Fremdsprachenklasse zeigt jedoch: Die Perspektiven der vier jungen Afghanen könnten kaum unterschiedlicher sein.

Tarik brauchte eine Woche, um mit seiner Familie von Herat in die Schweiz zu gelangen. Lediglich die Landesgrenzen habe er zu Fuss passiert. Auf der Karte zeigt der 15-jährige, welche Route seine Mutter wählte. Die Zugreise führte durch Mashad im Norden Irans ins türkische Bodrum – dann ging es mit dem Schiff nach Griechenland weiter und später nach Mazedonien. Tariks Familie gehört zur Bildungsoberschicht. Auf Englisch erklärt er, wie er auf der Reise gefroren hat, aber wie privilegiert er doch gewesen sei im Vergleich zu jenen, die monatelang zu Fuss unterwegs seien. «Meine Mutter hatte genug Geld, um die Zugreisen zu finanzieren.» Wöchentlich paukt Tarik jetzt Hunderte Wörter und formt sie stilsicher zu Sätzen wie «Ich mag Marzipan» oder «Heute gab es Brot und Milch zum Frühstück». Tarik sagt, er wolle so bald wie möglich fliessend Deutsch sprechen, denn er wolle in der Schweiz alt werden.

Kleinklassenlehrer Zainolabedin Safari sagt, dass trotz der Wissbegierde seiner Schüler der Unterricht schwierig zu gestalten sei. Während Tarik voranprescht, kämpft ein anderer mit elementaren Problemen: Anian. Er ist «im Geist wie ein kleines Kind», sagt sein Lehrer. Anian kann mit 14 Jahren kaum schreiben oder lesen, denn er gehört zur afghanischen Bevölkerungsgruppe der Hazari, die in Afghanistan systematisch unterdrückt und von den Schulen ausgeschlossen werden. Welches Schicksal er hinter sich hat, lässt sich auch für seinen Persisch sprechenden Lehrer kaum in Erfahrung bringen. «Was ich über ihn weiss, ist schrecklich», sagt Safari. Über zwei Jahre sei Anian auf der Flucht gewesen. Er sei zwischenzeitlich in einem griechischen Gefängnis gesessen, wo er sich das erste Mal das Leben nehmen wollte. Viel mehr weiss auch Safari nicht, er will sich langsam an die Geschichte Anians herantasten. Wohl auch aus Selbstschutz.

An der Reinacher Sekundarschule hofft man nicht nur, dass die gut gebildeten Afghanen wie Tarik hierbleiben können. Die Schweiz müsste insbesondere Verfolgten wie Anian ein neues Zuhause bieten. Schulleiter Michael à Wengen jedenfalls rechnet mit einem längeren Aufenthalt des neuen Schülers. Sobald Anian gut genug Deutsch spreche, werde er einen Dokumentarfilm über ihn, seine Vergangenheit und die Reise in die Schweiz drehen.

Ein erster Schritt ist an diesem Nachmittag getan: Auf die Wandtafel schreibt Anian in krakeliger Schrift: «Ich komme aus Afghanistan.» Viele andere werden es ihm in den nächsten Monaten gleich tun und den Baselbieter Kleinklassen ihre ersten deutschen Sätze lernen – oder sogar erstmals einen Stift in der Hand halten.
*alle Namen geändert.

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