Das Thermometer sinkt nachts gegen die Nullgradgrenze. Obwohl der Winter sich mit Frost, eisigem Wind und durchdringender Nässe anmeldet, schlafen Menschen unter freiem Himmel. In Basel nahm die Obdachlosigkeit in den vergangenen Jahren zu. Das belegen die Anzahl der Adressaten, die allesamt an der Elsässerstrasse 22 angemeldet sind. Dort befindet sich der Verein für Gassenarbeit «Schwarzer Peter». Menschen aus Basel, die ihre Wohnungen verlieren, erhalten dort eine offizielle Adresse. Holten 2010 um die 100 Personen ihre Post beim «Schwarzen Peter» ab, sind es in diesem Jahr rund 400. Ihre Obdachlosigkeit bleibt häufig öffentlich unbemerkt. Wie Gassenarbeiter Michel Steiner sagt, findet die Mehrheit Unterschlupf bei Bekannten oder Verwandten: «Etwa zwanzig Prozent schlafen draussen oder in der Notschlafstelle. Das sind momentan um die achtzig Personen.»

In der Notschlafstelle an der Alemannengasse können pro Nacht 63 Männer und 12 Frauen übernachten. Doch: Viele Betten bleiben leer. Bereits 2015 sank die Auslastungsquote um 6 auf 68,2 Prozent. Ein Blick in die aktuellen Zahlen zeigt, dass der Trend in diesem Jahr anhält. Knapp 60 Prozent der Betten waren durchschnittlich belegt.

«Unhaltbare Zustände»
Wie der «Schwarze Peter» verteilt auch die Wärmestube «Soup and Chill» Schlafsäcke an Obdachlose. Die Nachfrage sei im Winter ungebrochen gross, sagt der Leiter Andreas Tännler. Auch Personen, die von der Sozialhilfe Kostengutsprachen für die Notschlafstelle erhielten, würden häufig solch ein Nachtlager vorziehen.

Martin* kennt die Notschlafstelle aus eigener Erfahrung. Er lebte zweimal für mehrere Monate dort. Dann organisierte er sich ein Zelt, obwohl der Winter anbrach. «Die Umstände in der Notschlafstelle sind entwürdigend. Wer keine starke Persönlichkeit ist, zerbricht daran», sagt er. Zu dreckig, zu laut, zu unsicher sei der Ort. Besonders kritisch seien die sanitären Anlagen. Für mehr als sechzig Männer gebe es nur drei Toiletten. Wer dringend muss, pinkle deshalb auch ins Lavabo. Entsprechend schlecht stehe es um die Hygiene, sagt Martin. Auch der Aufenthaltsraum sei «viel zu klein».

Etwa fünfzehn Personen hätten dort Platz. Die engen Verhältnisse seien eine denkbar schlechte Kombination mit Menschen, die ihren Tag trinkend verbrachten: «Konflikte sind dadurch unumgänglich», sagt er.

Sozialhilfe sucht Liegenschaft
Wie Martin tritt auch Liliane gepflegt auf. Nichts deutet daraufhin, dass sie obdachlos ist. Seit 2013 lebt sie immer wieder in der Notschlafstelle. Es sind die Phasen, in denen sie «keine andere Lösung» findet, in ihrem Umfeld keine Couch zur Verfügung steht. Auch sie spricht von unzumutbaren Verhältnissen in der Kleinbasler Notschlafstelle. Da zahlreiche Menschen Unterschlupf fänden, die psychisch schwer angeschlagen oder drogenabhängig seien, herrsche ein hohes Gewaltpotenzial. Wertgegenstände liessen sich zwar an der Rezeption einschliessen, der Koffer jedoch nicht. Wer sein Gepäck am nächsten Tag noch besitzen wolle, müsse es über Nacht ins Bett nehmen. Und: Eine Dusche reiche für zwölf Frauen nicht annähernd, sagt sie.

Betrieben wird die Notschlafstelle von der Sozialhilfe. Dort sei man sich der Mängel durchaus bewusst, sagt die Leiterin Nicole Wagner. Die Lärmbelastung sei hoch, die Anzahl Nasszellen gering und das Gebäude nicht rollstuhlgängig. «Eigentlich ein Muss heutzutage», sagt Wagner. Seit mehr als zwei Jahren sucht die Sozialhilfe deshalb eine neue Liegenschaft. «Bislang fanden wir nichts, was den Kriterien entsprochen hätte», sagt Wagner. Die aktuelle Liegenschaft hingegen lasse sich nicht besser ausbauen. Sie komplett auszuhöhlen und neu auszustatten, wäre zu teuer, sagt Wagner.

Eine geeignetere Liegenschaft wäre zwar begrüssenswert, sagt Gassenarbeiter Michel Steiner. Allerdings liessen sich dadurch die langfristigen Unterbringungsschwierigkeiten nicht lösen. Immer mehr Menschen aus der unteren Mittelschicht seien von der Obdachlosigkeit betroffen. Etwa dann, wenn sie durch eine Trennung oder einen Jobverlust ihre Wohnung verlieren – und keine neue finden. «Es braucht in Basel dringend günstigen Wohnraum», sagt Steiner.

*Name geändert

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