Die zunehmend warmen Winter sind für die Wildschweine ein Segen. Immer mehr siedeln sich in der Region an. Im vergangenen Jahr wurden im Kanton Baselland 1227 Wildsäue erlegt, so viele wie nie zuvor. In diesem Jahr rechne man mit einem «ähnlich hohen Bestand», sagt der kantonale Jagdverwalter Holger Stockhaus. Liebhaber von Wildspezialitäten mag diese Zunahme freuen. Für die Landwirte werden die Tiere aber zum Problem. Jährlich richten sie im Landkanton rund 100 000 Franken Schaden an Mais, Weizen und Wiesen an. In den vergangenen zwei Jahrzehnten haben sich die Schäden verdreifacht.

Darauf hat Baselland auf diese Jagdsaison hin reagiert. Der Kanton hat fünf weitere Nachtzielgeräte angeschafft, welche die Jagd auf die Wildsäue erleichtern sollen. Kostenpunkt pro Stück: mehrere tausend Franken. Stockhaus sagt, die insgesamt acht Geräte würden den rund 600 Hobby-Jägern im Kanton gratis zur Verfügung gestellt. Er zieht ein erstes positives Zwischenfazit: «Die Geräte sind bei den Jägern beliebt. Alle sind derzeit im Umlauf. Und es zeigt sich, dass die Jäger vermehrt auch nachts unterwegs sind.»

Nur in Baselland, Thurgau, Zürich und Genf sind die Jäger befugt, Nachtzielgeräte auf das Gewehr zu montieren. Im Kanton Aargau läuft eine zehnjährige Testphase. Die Zulassungsbestimmungen variieren von Kanton zu Kanton. Im Thurgau müssen die Jäger eine persönliche Bewilligung mitbringen, im Baselbiet werden die Geräte mit einer «temporären Ausnahmebewilligung» ausgehändigt, wie Stockhaus sagt. Mit einem eigenen Nachtzielgerät darf man im Landkanton demzufolge nicht jagen.

Kritik an der Jagdethik
Die Ausrüstung ist umstritten. In St. Gallen wehrte sich beispielsweise der kantonale Jagdaufseher Dominik Thiel gegen diese «neue Methode» des Jagens. In der «Ostschweiz am Sonntag» zweifelte er an der Wirksamkeit. «Im Ausland wurde festgestellt, dass der Jagderfolg mit dem Einsatz von Nachtzielgeräten nicht steigt», sagte Thiel. Stockhaus räumt ein, dass es «schwierig ist, den Effekt nachzuweisen». Dies, weil der Wildschweinbestand jährlich variiere. «Die Rückmeldungen der Jäger lassen aber darauf schliessen, dass sie dank der Geräte mehr Tiere erlegen können», sagt er. Zudem ist er überzeugt, dass es «weniger Fehlabschüsse oder ungenaue Abschüsse» gibt. Dies entspreche «dem Anspruch» an eine tierschutzgerechte Jagd.

Bedenken, wonach man mit der neuen Technologie gegen die Jagdethik verstosse, kommen auch aus der Jäger-Branche. Der eidgenössische Jagdinspektor Reinhard Schnidrig bezeichnet die Geräte öffentlich als «Kriegsmaterial», mit dem sich die Jäger ein schlechtes Image aufbauten. In der «NZZ» erinnerte er daran, dass Nachtzielgeräte ursprünglich als Kampfmittel entwickelt wurden und bis heute dem Kriegsmaterialgesetz unterstehen. Von diesem Argument hält der Baselbieter Jagdverwalter nichts. «Als vor gut hundert Jahren erstmals Zielfernrohre in die Jagd eingeführt wurden, galten diese ebenfalls lange Zeit als nicht waidmännisch und der Jagdethik widersprechend», sagt Stockhaus. Vermutlich gebe es heute aber kaum noch Jäger, die darauf verzichten wollten. Gerne hätte er in Zukunft im Landkanton noch mehr Nachtzielgeräte zur Verfügung. Die finanzielle Situation hindere aber am Ausbau des Bestands.

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