Von Marlon Rusch

Sucht man im Internet nach «Folkenstal», nimmt einen vom Bildschirm aus bald eine grimmige Katzengestalt in Vollmontur ins Visier. Verschnörkelter Harnisch, grimmiger Kampfhelm, in den Händen Streitaxt und Halbmondschild – bereit, jeden Feind anzuspringen und in Stücke zu hacken. Im Türrahmen der Blockwohnung in Rheinfelden steht eine kleine Frau mit rostroten Haaren, lächelt herzlich und bittet in ihr Arbeitszimmer. Hier verwandelt sie sich jeden Abend nach der Lohnarbeit in einem Zürcher Grossraumbüro in «Folkenstal», eine weit über die Landesgrenze hinaus geachtete «propmakerin».

Seit drei Jahren baut die 29-jährige Ana – ihren Nachnamen möchte sie lieber nicht in der Zeitung lesen – in ihrer Freizeit Rüstungen, Schwerter und Accessoires aus dem gefeierten Videospiel «The Elder Scrolls» nach. Tausende Stunden hat sie bereits aufgewendet, um brutales Kriegsmaterial zu replizieren. Woher kommt diese Faszination? «Ganz einfach, ich mag das Design. Und im Spiel gibt es nun mal viele Schwerter.»

Angefangen hat die Begeisterung für Fantasy vor zehn Jahren mit japanischen Comics. Ana begann selbst zu zeichnen und hatte bald ihren ersten eigenen Comic vor sich liegen. Nach einigen Jahren wollte sie mehr – «von 2-D nach 3-D», wie sie sagt. Und da ihre zweite Leidenschaft Videospiele waren, insbesondere «The Elder Scrolls», waren die Sujets schnell gefunden. Einen ersten Dolch modellierte sie aus Epoxidharz. Es folgten Silikonabgüsse, weitere Dolche und Schwerter. Dann entdeckte sie Worbla, und aus Ana wurde «Folkenstal».

Worbla ist das Elexir der Szene. Geliefert wird der teure Thermoplastik, der ursprünglich für die Produktion von Schuhen entwickelt wurde, in Rollen, die wie Packpapier aussehen.

«Folkenstal» – der Name ist eine eigene Wortschöpfung und soll so viel wie «Stahl fürs Volk» bedeuten – schneidet ein Stück aus der Rolle und erhitzt es mit dem Heissluftföhn, ihrem wichtigsten Werkzeug. Sofort wird das Worbla weich und lässt sich nun von Hand in jede beliebige Form bringen. Sie zieht den noch warmen Kunststoff mit einem Wallholz auf ein Stück Moosgummi auf, das sie vorab zugeschnitten hat. Fertig ist die Rohform einer Schulterplatte eines Harnischs. Rund 200 Arbeitsstunden rechnet sie für eine Rüstung. Das bedingt Opferbereitschaft: «Freitags- und Samstagsausgang gibt es bei mir nicht», sagt sie. Aber solange sie basteln könne, störe sie das überhaupt nicht.

Dass «Folkenstal» geschickte Hände hat, weiss die Szene heute auch in den USA. Siebeneinhalbtausend Fans zählt die Baslerin auf Facebook, «und keiner von denen ist gekauft!»

Die Szene nennt sich «Cosplay», Kostümspiel. Bei diesem japanischen Verkleidungstrend, der in den 90er-Jahren mit dem Mangaboom nach Europa schwappte, geht es darum, mit dem ganzen Körper in die Videospielwelten einzutauchen, sich möglichst wie die Lieblingscharaktere zu kleiden und zu verhalten. Stundenlang sitzen bekannte «Cosplayer» in der Maske, um sich danach auf grossen Veranstaltungen vor Tausenden von Fans zu präsentieren. «Folkenstal» selbst steigt nur ungern in ihre Rüstungen, sie mag es nicht, im Rampenlicht zu stehen, und lässt lieber ihre Arbeiten für sie sprechen. Mitte Mai kann man ihr nun aber erstmals öffentlich bei der Arbeit zuschauen – und sich gleich selbst als «propmaker» versuchen. «Folkenstal» wird an der «Fantasy Basel» Kurse anbieten.

Die Show ist gross angelegt, obwohl sie dieses Jahr zum ersten Mal stattfindet. Auf 10 000 Quadratmetern in drei Hallen in der Messe werden rund 100 Aussteller um die Gunst der 10 000 bis 15 000 erwarteten Besucher buhlen. Filmverleiher werden anwesend sein, Gamevertreiber, Autoren, Schwertkünstler und Fantasysprachlehrer, Zeichner und Cosplayer. «Wir wollen erstmals in der Schweiz alle Fantasy-Subkulturen an einem grossen Anlass zusammenbringen», sagt Florian Birrer, Creative Director der «Fantasy Basel». Die Messe finde primär wegen der Nähe zu Frankreich und Deutschland in Basel statt. Die Veranstalter haben aber zu spät realisiert, dass am gleichen Datum – 14. bis 16. Mai – in Köln die «Role Play Convention RPC» stattfinden wird, die grösste Fantasy-Convention Europas. Trotz grosser Konkurrenz gibt sich Birrer zuversichtlich. Schliesslich bahne sich «Cosplay» gerade unaufhaltsam seinen Weg raus aus den Nischen. Er glaubt, dass die Messe neben «Cosplayern» und Gamern im Teenageralter auch ältere Fantasyinteressierte ansprechen wird.

Während in Japan und den USA Fans aus allen Altersschichten zu den Conventions strömen, ist das Eintauchen in Fantasywelten in Europa eher ein Jugendphänomen. «Als ich mit 19 zum ersten Mal eine Anime-Messe besuchte, waren die anderen etwa in meinem Alter», sagt Ana. «Heute kommen diese Leute nicht mehr. Dafür sind Jüngere nachgerutscht.» Die, die wie «Folkenstal» bleiben und Talent mitbringen, werden in dieser pathetischen Welt schnell zu Ikonen.

Mittlerweile hat «Folkenstal» einen so grossen Namen, dass sie regelmässig angefragt wird, ob sie Rüstungen und Schwerter auf Auftrag fertigen würde. Erst kürzlich hat sie eine Rüstung nach Hawaii verschifft. Viel verdient hat sie mit solchen Bestellungen nicht, bei 200 Stunden Arbeit bleibt der Stundenlohn einstellig. Auch das scheint sie nicht zu stören, «In den USA wollen die ‹probmaker› alle in Hollywood Fuss fassen. Ich will damit kein Geld machen. Wenn das Hobby plötzlich Beruf wäre, würde es keinen Spass mehr machen.»

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