Die Heilungsmethoden sind ausgeschöpft, die Medizin kennt keine Mittel mehr. Die Diagnose: unheilbar krank. Der Abschied von den Liebsten, von der Welt ist konkret, unausweichlich. Was löst dieses Wissen bei den Betroffenen aus? Und was für Wünsche haben sie an ihr eigenes Sterben? Diese Fragen hat die Palliativmedizinerin Heike Gudat (52) untersucht. Sie sitzt im «Stübli» des «Hospiz im Park» in Arlesheim. Taschentücher stehen neben Wassergläsern, die Acrylbilder zeigen Blumen in dezenten Farben. Nur die Abwaschmaschine schnurrt, sonst ist es still.

Mit ihrem Team betreut Gudat im Hospiz Patienten kurz vor ihrem Lebensende. Ihre letzten Stunden, Tage, Wochen sollen sie in der bestmöglichen Lebensqualität verbringen. Palliativmedizin heisst der Ansatz. Schmerzen werden gelindert, der Tod weder beschleunigt noch verzögert. In zahlreichen Gesprächen werden psychologische und spirituelle Fragen besprochen. Auch die Angehörigen sind in den Abschiedsprozess eingebunden.

In der öffentlichen Diskussion kommt die Palliativmedizin selten vor. Fragen rund um die Sterbehilfe dominieren den Diskurs. Exit ja oder nein? An solch einem Podium war auch Gudat. Das war vor fast zehn Jahren. Als sie sich auf das Gespräch vorbereitete, stellte sie fest: In der Wissenschaft klafft eine Lücke. Es fehlt an jeglichen Anknüpfungspunkten. «Das hat mich entsetzt. Alle sprechen über assistierten Suizid. Doch was unheilbar kranke Menschen beschäftigt, damit setzt sich niemand auseinander.» Deshalb begann sie mit dem Schweizer Bioethiker Christoph Rehmann-Sutter, das Thema zu erforschen. Entstanden ist eine der umfangreichsten Untersuchungen weltweit. Im Frühling erscheint die Studie.

Die Angst der Ärzte vor dem Tod
Acht Jahre lang, von 2008 bis 2016, interviewte Gudat mit ihrem Forschungsteam 62 unheilbar kranke Menschen. Mehrfach. Die Auswertung der über 250 Gespräche zeigt: Sterbewünsche weisen eine Anatomie auf, sie lassen sich entschlüsseln. «In der Praxis wird ein Sterbewunsch oft als Hilferuf angesehen. Das greift viel zu kurz», sagt sie.

Die Wünsche können hypothetisch, ambivalent, aber auch konkret sein. Und: Das soziale Umfeld spielt eine grosse Rolle. So beeinflusst die Fürsorge, Belastbarkeit oder der Gesundheitszustand der Angehörigen die Entscheide der Patienten stark. «Wer nichts mehr leisten kann, fällt zur Last: Dieses Gefühl haben fast alle unheilbar kranken Menschen.» Indem die Öffentlichkeit primär die Sterbehilfe diskutiere, entstehe auf vulnerable Personen ein Druck: «Wir beobachten insbesondere bei alten Menschen einen gewissen Nachahmungseffekt. Das bereitet mir Sorgen. Vor allem, weil nicht alle Organisationen die Patienten so sorgfältig abklären wie Exit.»

Ein Blick in die Statistik des Bundes zeigt, dass die Zahl der assistierten Suizide zunahm. Wählten 2003 lediglich 187 Personen diesen Weg, waren es 2014 bereits 742. Im Vergleich zu den natürlichen Todesfällen bleiben sie jedoch eine Minderheit. Das bedeute nicht, dass beim Grossteil der unheilbar kranken Menschen keine Sterbewünsche bestehen, sagt Gudat. Im Gegenteil. «Ein Sterbewunsch kann auch bedeuten, den Tod herbeizusehnen, ohne ihn selbst zu beschleunigen.» Um die Intentionen zu verstehen, seien Gespräche unerlässlich. Sobald die Diagnose überbracht würde.

Wie die Studie von Gudat aber zeigt, fehlen diese. Angesichts des Todes dominiert auch unter Ärzten die Sprachlosigkeit. Die Interviewpartner schilderten, dass sie jahrelang von demselben Spezialisten behandelt wurden; ein Gespräch über die Grenzen der klassischen Medizin und das Sterben fand jedoch nie statt.«Der Tod ist für viele Mediziner eine Bedrohung; und keine Option», sagt Gudat. Deshalb hat sie auf der Basis ihrer Studie ein Modell für die Praxis entwickelt: «Es ist eine Checkliste, um die Sterbewünsche der Patienten relativ rasch analysieren zu können.» Dadurch lässt sich auch unnötiges Leiden ersparen. Wer den Tod akzeptiert, braucht keine weitere kräftezehrende Therapie, sondern Mittel, um die letzten Tage so schmerzfrei wie möglich zu verbringen. In diesen Fragen bestehe ein «riesiger Bildungsbedarf», sagt Gudat. Deshalb organisiert sie Schulungen, lehrt an der Uni Basel. Und zwingt eines der besten Gesundheitssysteme der Welt, seine eigenen Grenzen anzuerkennen.

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