Von Leif Simonsen

Frau Göschke, ausgerechnet im Wahljahr geht bei den Baselbieter Grünen alles drunter und drüber. Ist die grüne Bewegung im Landkanton endgültig zum Stillstand gekommen?
Madeleine Göschke: Gerade am Ausschluss Jürg Wiedemanns sieht man die Probleme dieser Partei. Sie kämpft damit, unterschiedliche Meinungen unter einen Hut zu bringen. Ich habe mit Befremden zur Kenntnis genommen, dass unsere Nationalrätin Maya Graf intern dazu aufgerufen hat, sich nach dem nationalen Positionspapier der Grünen zu richten. So autoritär dürfen die Grünen nicht werden.

War die Krise vorhersehbar?
Natürlich nicht in dieser Dimension, aber wir mussten damit rechnen, dass wir irgendwann vor einer Identitätsfrage stehen. Ich habe deshalb auch als Fraktionspräsidentin immer gesagt: Wir dürfen keine Ein-Themen-Partei bleiben. Dass wir uns in erster Linie auf die ökologischen Dinge konzentrierten, half uns vielleicht in den Anfangsjahren. Heute aber müssen und wollen wir alle wichtigen Themen bearbeiten, etwa Bildungspolitik, Gesundheitspolitik, innere Sicherheit und Finanzpolitik. Da gehen die Meinungen auseinander.

Gerade in der Bildungspolitik weiss man nicht, woran man bei den Grünen ist. Jürg Wiedemann betreibt eine konservative Bildungspolitik und hat sich sogar öffentlich für eine Regierungskandidatur der FDPlerin Monica Gschwind eingesetzt.
Jürg Wiedemanns Unterstützung für Monica Gschwind habe ich abgelehnt, aber ich habe gegen seinen Ausschluss aus der Partei gestimmt. Ich bin der vollen Überzeugung, dass man sich mit diesem Vorgehen schadet. Konsequenterweise müsste man ja auch die Politik des Fraktionspräsidenten Klaus Kirchmayr hinterfragen: Seine Finanzpolitik ist auch eher bürgerlich. Aber genau wie Wiedemann ist er eine unerlässliche Kraft. Eine Partei lebt auch von Querdenkern. Und Kirchmayr ist blitzgescheit. Sein Problem ist höchstens, dass er oft zu schnell ist. Damit hat er schon ab und zu den Groll von Fraktionskollegen auf sich gezogen.

Wiedemann sagte nicht mal seiner eigenen Partei, dass er sich eine Kandidatur auf der Liste der Grünen-Unabhängigen überlege.
Dass das für Unmut gesorgt hat, kann ich nachvollziehen. Doch die Probleme haben viel früher begonnen. Man hat es versäumt, die Bildungspolitik auf mehrere Schultern zu verteilen. Heute verbindet man die Bildungspolitik der Grünen im Kanton Baselland nur mit Jürg Wiedemann. Auch wenn ich meistens auf der Seite Wiedemanns war, muss man solch wichtige Themen breiter abstützen. Wenn man die Verantwortung auf mehrere Schultern verteilt, kann man die einzelnen Ausreisser viel besser ausgleichen.

Teilweise sind es aber auch persönliche Befindlichkeiten. Esther Maag, die ewige Zweite hinter Maya Graf, beanstandet, dass sie von Kirchmayr und dem damaligen Parteipräsidenten Philipp Schoch übergangen wurde, als diese 2011 die Fusionsinitiative lancierten.
Ich kann ihren Unmut gut nachvollziehen. War doch die Fusion mit Nachbarkantonen die Idee, die sie mit Vorstössen lanciert hatte. Ich bin nicht überrascht, dass sie jetzt der Partei den Rücken kehrt. Schoch und Kirchmayr verärgerten damals mehrere Fraktionsmitglieder mit ihrem Vorpreschen.

Leidet die Partei unter der Dominanz ihres Fraktionschefs?
Ich würde es so sagen: Bei den Grünen ist zu viel Macht auf zu wenigen Schultern verteilt. Die Geschäftsleitung entscheidet manches, ohne sich vorher mit der Fraktion richtig abzusprechen.

Lief es unter Ihnen als Fraktionschefin besser?
Es hat bestimmt geholfen, dass ich in einem Alter war, in dem ich keine Ambitionen mehr für höhere Ämter hatte. Als zum Beispiel kurz diskutiert wurde, ob ich Landratspräsidentin werden sollte, habe ich abgewinkt und Esther Maag den Vortritt gelassen. Auch zu meiner Zeit gab es Meinungsverschiedenheiten. Dann sind wir zusammengesessen und haben offen diskutiert, bis wir eine Lösung gefunden hatten, hinter der alle stehen konnten. Geholfen hat uns auch, dass sich die Partei damals im Aufwind befand. Und das sind die Grünen momentan leider nicht.

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