Lange träumte er davon. Spielte mit Ideen, machte Pläne, verwarf sie und schmiedete neue. Und jetzt sitzt er an einem Bistrotisch, der keine Idee ist, sondern Realität. Franz-Xaver Leonhardt träumt nicht mehr; er hat festen Boden unter den Füssen. Den Betonboden des Vier-Sterne-Hotels Nomad im Brunngässlein. «Es ist genau so, wie ich es mir vorgestellt habe. Nur besser.» Leonhardt, CEO der Krafft Gruppe, zu der das Nomad gehört, blickt in den Raum. Es ist Mittagszeit, und in der Eatery des Hotels – Neudeutsch für Restaurant – ist kein Tisch mehr frei. Im hinteren Teil die Banker mit Mineralwasser, vorne die Society-Ladies mit Cüpli, darunter drei Gastrounternehmer, die sich auffällig darum bemühen, nicht aufzufallen. Sie essen Hummus vorweg, Meatballs vom Lamm und ein Brownie zum Dessert. Spontan ist kein Platz zu haben, man muss reservieren. An einem Mittwoch.

Erst vor drei Wochen öffnete die Krafft Gruppe das Design-Hotel für die ersten Gäste, nach dem Krafft und dem Greulich in Zürich ist es das dritte Hotel der Gruppe. «Jetzt ist Schluss mit Expansion. Die Gruppe zählt 150 Mitarbeiter. Alles, was darüber ist, ist nicht überschaubar», sagt Leonhardt. Er wolle jeden Angestellten beim Namen kennen. Im Nomad arbeiten deren 40, meist sind es Junge. Direktorin Denise Furter ist 29 Jahre alt. Die Eröffnung erfolgte im Stillen. Umso lauter ging es gestern an der Eröffnungssause zu und her, mit DJs, Live-Bands, Tänzern des Ballett Basel und Kurt Aeschbacher, der durch die Nomad-Erlebniswelt aus Eichenholz und Sichtbeton lotste.

News sickerten trotzdem bereits vor der Eröffnung durch, etwa, dass Roger Willimann, Ex-Pächter des Schifferhauses, die Gäste verköstigt. So ein Name zieht das Publikum an, das weiss auch Leonhardt. Er tänzelt von Tisch zu Tisch in Richtung Rezeption. Hier verhallt das Stimmengewirr aus der Eatery schnell. «Der Teppich absorbiert gut», sagt der Hotelier, und zeigt gen Decke. Anstatt den Beton mit Farbe zu bestreichen, wählten die Innenarchitekten handgewobenen Stoff aus Kelim-Teppichen als dekoratives Element, an den Decken und auf den Böden, für die Kopfteile der Betten und als Sessel-Überzug. So kam das Nomad zum Namen: Nomaden belegen ihre Zelte seit jeher mit Teppichen.

Überhaupt sei alles custom-made, massgefertigt, von der Salatschüssel, der Bettwäsche, der Uniform für die Angestellten bis hin zu jedem Möbelstück, von lokalen und internationalen Designern, sagt Leonhardt. In diese extra fürs Nomad entwickelte Inneneinrichtung und -ausstattung investierte die Krafft Gruppe mehr als fünf Millionen Franken. Das sei es wert gewesen: «Wir wollen nicht kopiert werden.»

Leonhardt sitzt jetzt in der Bibliothek, blättert durch einen Kunstband für den Fotografen, blickt auf, lächelt. Ein Zwischenstopp in einem Hotelzimmer, die Nummer 10 ist es. Insgesamt sind es 65 Zimmer, die sich auf ein neues, in den ehemaligen Innenhof eingebautes Haus und das renovierte Vorderhaus verteilen. Im Januar gibt es auf die Zimmer einen Rabatt von hundert Franken pro Nacht. In der Branche wurde dies mit Naserümpfen zur Kenntnis genommen. «Designhotel und Dumpingpreise? Das passt nicht zusammen», sagt ein Hotelier. Leonhardt verteidigt sich: «Zum Start ist ein Lockvogelangebot doch erlaubt.» Danach würden die Preise je nach Nachfrage variieren. Leonhardt geht von einem Durchschnittspreis von 240 Franken pro Zimmer aus. Junge Geschäftsreisende um die 30 Jahre bezeichnet er als die Hauptzielgruppe.

Im ersten Jahr, so sagt er, strebe er eine Auslastung von siebzig Prozent an. Ein ehrgeiziges Ziel, doch Leonhardt ist überzeugt, dass das machbar ist: «Sicher ist da der schwache Euro, vor dem sich viele Hoteliers fürchten. Fakt aber ist, dass der Tourismusort Basel floriert.» Das habe die Stadt der Pharmabranche zu verdanken. Deren Markt sei Amerika und Asien, «denen ist der Euro egal». Auch glaubt Leonhardt daran, dass es trotz vieler Hotel-Neueröffnungen kein Betten-Überangebot geben wird in Basel. Während der Messen Art und Baselworld wolle er seine Gäste sogar selber aussuchen. Hotelzimmer im Nomad sind dann nicht frei buchbar, sondern für Stammgäste des Krafft, Kunden von Vitra, für die Fondation Beyeler und die Hausbesitzerin UBS reserviert.

Leonhardt hat es der Bank und widrigen Umständen zu verdanken, dass er zu seinem Hotel gekommen ist. Die Immobilie gehört seit 2007 der UBS, die damals Büros im Gebäude plante. Nach dem Ausbruch der Finanzkrise im 2008 wurden diese Pläne ad acta gelegt, die Bank suchte nach einem Mieter für das Haus – und wurde in der Krafft Gruppe fündig. Die Verträge wurden 2010 unterschrieben, der Bau des Hinterhauses begann zwei Jahre später. Die UBS finanzierte den Bau, als Bauherren fungierten die Bank und die Krafft Gruppe. «Weisst Du, das war echt gut, so konnten wir von Anfang an bei der Gestaltung mitreden», sagt Leonhardt. Er hat wieder am Bistrotisch Platz genommen. «Ist es okay, wenn wir uns duzen? Hier im Nomad tun das alle, Gäste und Mitarbeiter.» Diese Kultur trage dazu bei, dass sich alle wie zu Hause fühlten. «Ich bin mir bewusst, dass das nicht bei Jedem gut ankommt. Diese Kultur ist neu für Basel. Und das wollen wir ja auch sein. Etwas ganz Neues.»

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