Spötter könnten sagen, nichts illustriere den Wandel Liestals vom dynamischen Stedtli zum provinziellen Vorort so gut wie der Unterwäschehersteller Hanro. 1955 zeigte sich Marilyn Monroe im Film «Das verflixte siebte Jahr» in Unterhosen der Liestaler Firma – die Szene über dem U-Bahn-Schacht erlangte Weltberühmtheit. In den 90er-Jahren warb Hanro um die High Society. Es hiess, dass die englische Queen und sogar der Papst auf den feinen Zwirn aus dem Baselbiet setzten. Zuletzt blieb der Textilfirma Liestals grüner Stadtpräsident Lukas Ott. Er geht noch heute mit einem Hanro-Pyjama (Modell: «Day & Night») schlafen, wie er auf Anfrage sagt.

Die einst innige Beziehung zwischen Hanro und Liestal ist definitiv passé. Die Firma, so ist dem Handelsregister zu entnehmen, hat den Hauptsitz von Liestal ins zürcherische Opfikon verlegt. Direktor Gilbert Delaquis sagt, das Unternehmen sei schon seit längerem nicht glücklich gewesen im Baselbiet. «Der Standort passt einfach nicht mehr zur Marke», sagt er. Im Glattpark könne Hanro Events, Messen und Ausstellungen durchführen – damit zieht man in Liestal längst keine Massen mehr an.

Das war früher anders. Hanro, 1884 gegründet, wurde rasch zum Wirtschaftsmotor im Ergolztal. Bis in die 60er-Jahre des 20. Jahrhunderts galt Liestal als Textilzentrum der Schweiz, Hanro war vor Schild und Spinnler der grösste Arbeitgeber der Branche. Insgesamt waren 2000 Textilarbeiter in Liestal beschäftigt, alleine 800 arbeiteten am Hanro-Hauptsitz am Benzburweg.

Kaum einer kennt die Geschichte so gut wie Lukas Ott, der in der Neuen Heimatkunde Liestal ein Kapitel zur Textilindustrie geschrieben hat. Der Politiker erinnert sich an die Blütezeiten des Unternehmens. «Nach dem Boom der 60er-Jahre erfolgte die Konsolidierung in den 70er-Jahren. Für Liestal wurde Hanro zum Schaufenster der Welt», erzählt er. Immer wieder kurbelten Prominente die Nachfrage in die Höhe. Nicht nur Filmsternchen, sondern auch Musikgrössen wie Janis Joplin oder die Operndiva Maria Callas gehörten zu den Kunden. Auf dem Hanro-Areal wurde rund um die Uhr geschuftet. Die Textilarbeiter mussten in zwei, teilweise gar drei Schichten an den Maschinen stehen, um die Nachfrage zu decken. Alle wollten Hanro – sogar die Geistlichen. Ott, der im Tagungszentrum Leuenberg ob Hölstein aufgewachsen ist, erzählt von einem Treffen der orthodoxen und evangelischen Kirchenvertreter Mitte der 70er-Jahre. Sie wollten über eine Annäherung verhandeln. Was dem zehnjährigen Lukas in Erinnerung blieb, war weniger das Verhandlungsergebnis als vielmehr der Wunsch des bärtigen Erzbischofs nach Hanro-Unterwäsche. Er wollte unter seinem prachtvollen Ornat nicht frösteln.

Der Wendepunkt erfolgte in den späten 70er-Jahren. «Je länger, je mehr entwickelte sich die Schweiz für die Firmen zum Standortnachteil», sagt Ott. Das Problem der produzierenden Industrie waren damals schon der starke Franken und die hohen Löhne. Dazu kamen bei den exportorientierten Firmen die Zölle. Die Belastung war auf die Dauer nicht zu bewältigen. Zuerst schloss die Tuchfabrik Spinnler. Hanro und Schild verlagerten die Stellen nach und nach ins Ausland. Schild schloss seine Färberei Lofa 1995. Und die österreichische Huber-Gruppe übernahm 1991 Hanro. Damit waren die Zeiten der Textilproduktion in Liestal endgültig vorbei.

Hanro veräusserte das Firmenareal an die Stiftungen Edith Maryon und CoOpera, die seither bemüht sind, der kahlen Umgebung Leben einzuhauchen. Den Imageverlust nach dem Stellenabbau der vergangenen Jahrzehnte federte das Unternehmen ab, indem es im vergangenen Jahr seine Sammlung verschenkte. 20 000 Kleidungsstücke mit mehr oder weniger historischem Wert sind seither in Kantonsbesitz und der Öffentlichkeit zugänglich.

Was von der einstigen identitätsstiftenden Firma in Liestal übrig bleibt, ist ein Outlet-Store – eine 800 Quadratmeter grosse Lagerhalle für den Direktverkauf von Fabrikartikeln. Und natürlich die Erinnerungen an eine Zeit, in der die Welt nach Liestal blickte.

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