Nun scheint sie doch noch zustande zu kommen: Die Anklage gegen Dieter Behring. Dieser soll von Basel aus ein betrügerisches Schneeballsystem aufgebaut und betrieben haben. Die Schlusseinvernahme durch die Bundesanwaltschaft hatte am 15. Juli stattgefunden. Behring verweigerte dabei weitgehend die Antworten. Bis zum 10. August hatte er daraufhin eine einmalig verlängerbare Frist erhalten, um seine letzten Beweisanträge für den Prozess am Bundesstrafgericht in Bellinzona einzureichen.

Behring sagt, die Frist sei viel zu kurz angesetzt worden. Schliesslich habe er erst in den Schlusseinvernahmen zur Kenntnis nehmen können, was ihm eigentlich alles vorgeworfen werde. Achtzig Tage hielt Behring für angemessen und forderte sie als Erstreckung. Er begründet dies damit, er sei nicht angemessen vertreten und müsse die Arbeit der Verteidigung zusammen mit seiner Frau selbst erledigen. Nachdem die Bundesanwaltschaft rund elf Jahre gebraucht habe, um ihre Arbeit zu einem Abschluss zu bringen, hielt er die zweieinhalb Monate Aufschub für vertretbar.

Die Bundesanwaltschaft setzte die verlängerte Frist nun jedoch lediglich auf Ende August. Dagegen könnte Behring wiederum Beschwerde einreichen, so wie er in den vergangenen Jahren unzählige Male in Verfahrensfragen das Gericht bemühte. Behring sagt, er habe sich noch nicht entschieden. Ohne juristischen Beistand sei eine Beschwerde eine «riesige Arbeit» und zudem teuer. In der Vergangenheit sei er «bezüglich Beschwerden nicht sehr erfolgreich» gewesen und die Bundesanwaltschaft vermute dann ohnehin nur, er wolle das Verfahren verzögern.

Einen Streit trägt Behring mit der Bundesanwaltschaft jedoch auf einem anderen Feld aus. Er hatte um physische Einsicht in die Akten gebeten und fünf Tage dafür eingeräumt erhalten. Doch zur Akteneinsicht ist es bisher nicht gekommen. Während Behring, ausgerüstet mit einem Scanner, selbst die Dokumente auswählen wollte, präsentierte ihm die Bundesanwaltschaft ein anderes Vorgehen. Anhand von Inhaltsverzeichnissen sollte er die Akten benennen, die ihm dann ein Mitarbeiter der Bundesanwaltschaft heraussuchen würde. Dass Behring dies missfällt, ist aus seiner Optik nachvollziehbar: Er vermutet, die Bundesanwaltschaft habe nicht alle Akten erfasst, entsprechend würden diese nicht in den Inhaltsverzeichnissen auftauchen. Er sieht sich auch überwacht, welche Akten er konsultiere, was der Anklagebehörde Rückschlüsse auf seine Verteidigungsstrategie geben würde. Die Bundesanwaltschaft scheint nun aber eingelenkt zu haben. Mit einer Vorlaufzeit von zwei Tagen ist ihm die Akteneinsicht nun nach seinen Vorstellungen erlaubt. Behring konnte sich durchsetzen, sagt jedoch: «Bis Ende Monat kann ich die Informationen gar nicht mehr verarbeiten.»

Strategisch stellt sich Behring bereits auf das Strafverfahren ein, das frühestens in einem Jahr vor dem Bundesstrafgericht beginnen wird. Er hat bereits einige Gerichtsverfahren in Bellinzona besucht, um sich ein Bild von einem Prozessverlauf machen zu können. Seine doppelte Verteidigungslinie steht und entspricht dem, was er in einem doppelseitigen Interview in der «Basler Zeitung» ausbreitete. Die Hauptargumentation besteht darin, dass er nach dem krankheitsbedingten Ausfall seines ersten Verteidigers nie mehr angemessen anwaltschaftlich vertreten gewesen sei. Die Anklagebehörde wird zwar auf Bundesgerichtsentscheide verweisen können, die Behring für diesen Umstand in die Verantwortung nehmen. Ob damit jedoch auch das passive Verhalten seines jetzigen Pflichtverteidigers Roger Lerf gedeckt ist, muss das Gericht entscheiden.

In einer zweiten Argumentationslinie wird Behring die Behauptung aufstellen, die Darstellung der Anklageschrift könne nicht zutreffen. Die Anklagebehörde bietet die entsprechende Angriffsfläche: Sie hat die Beschuldigungen gegen die Nebenbeklagten fallengelassen und sich ganz auf Behring als Täter konzentriert. Behring sagt jedoch, mit seinen beschränkten Kenntnissen in Englisch und in Recht hätte er ein betrügerisches System, wie ihm vorgeworfen werde, gar nicht aufbauen können.

Wie es denn dazu gekommen sei, dass das Anlegergeld verschwunden ist, weiss Behring nach eigenen Angaben aber auch nicht. Er behauptet, nur mit jeweils 30 Prozent des angelegten Geldes gehandelt zu haben, 70 Prozent seien sicher angelegt gewesen. Nun hätten seine Kompagnons mit diesen Sicherheiten nach den Anweisungen des Professors Gerard Vila spekuliert und dabei grosse Verluste eingefahren. So sei wohl das Geld verschwunden. Beweisen könne er seine Version nicht. Die Akten, die eingescannt und elektronisch verfügbar sind, seien eben unvollständig. Und eine richtige Einsicht in die vier Millionen Seiten Papier sei ihm verweigert worden.

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