Kunst mit Ablaufdatum

Angepinkelt: Die Plastik von Richard Serra auf dem Theaterplatz dient unterschiedlichen Bedürfnissen. Foto: Kenneth Nars

Angepinkelt: Die Plastik von Richard Serra auf dem Theaterplatz dient unterschiedlichen Bedürfnissen. Foto: Kenneth Nars

Wegschaffen? Stehenlassen? Die Serra-Plastik vor dem Theater scheidet die Geister seit Jahren.

Von Miriam Glass

Die Meinungen zur Serra-Plastik auf dem Theaterplatz sind seit jeher geteilt: Als «Gusseisen-Monster» und «Horror-Gebilde» wurde sie Anfang der 1990er-Jahre bezeichnet. Damals ging es um die Frage, ob die für eine Ausstellung aufgebaute Skulptur dauerhaft stehen bleiben sollte. Neben den Empörten gab es die Begeisterten. Diese sammelten eine Million Franken für den Kauf der Plastik «Intersection» des US-Künstlers Richard Serra. 1994 wurde sie der Öffentlichen Kunstsammlung als Geschenk übergeben.

Heute, 20 Jahre später, gibt es noch immer zwei Lager: Als «Schandfleck» bezeichnet LDP-Grossrat André Auderset die Skulptur und sagt: «Dieses Pissoir zu entfernen wäre eine ausgezeichnete Idee.» Theater-Intendant Georges Delnon hingegen meint: «Es gibt nicht viele Theaterdirektoren, die einen Serra vor dem Haus haben; toll, dass man in Basel so prominente Kunst hat.» Samuel Holzach, Verwaltungsratspräsident des Theaters Basel, windet sich: «Ich muss da diplomatisch bleiben», sagt er auf die Frage nach der Serra-Plastik. «Mit dem Werk sind viele Emotionen verbunden und ich schätze den Künstler sehr». Und doch: «Ein freier Platz vor dem Theatereingang wäre attraktiv», sagt Holzach. «Die Diskussion, wie lange Kunst im öffentlichen Raum an ihrem Platz bleibt, wäre interessant.»

Diese Frage wird in Basel derzeit neu verhandelt. Das Kulturleitbild hält fest: «Permanente Kunstobjekte sollen mit einem ‹Verfallsdatum› versehen werden, sodass spätere Generationen die Flächen für neue Kunst freimachen können.»

Bisher gebe es keine solche Befristung für Kunst im öffentlichen Raum, sagt Basels Kulturbeauftragter Philippe Bischof. Er sagt aber auch: «Ob Werke wie der Hammering Man oder die Serra-Plastik ewig am selben Ort stehen müssen, darf diskutiert werden.» Nach 15 oder 20 Jahren könne ein Kunstwerk durchaus weichen, um neuen Interventionen Raum zu geben. «Befristungen zumindest zu ermöglichen, wäre sinnvoll. Natürlich mit dem gebührenden Respekt vor Werk und Künstler.»

Skeptisch ist Enrico Luisoni, Präsident der Basler Sektion des Künstler-Berufsverbandes Visarte: «Wer bestimmt, welche Werke erhaltenswert sind? Und was geschieht mit Kunst nach dem ‹Ablaufdatum›?» Die Brisanz dieser Frage wird am Beispiel der Serra-Plastik deutlich. Wohin mit gut 80 Tonnen Stahl, die für diesen einen Platz geschaffen wurden?

Hans Furer, GLP-Landrat, Anwalt und Kunstkenner, war eine der Schlüsselfiguren beim Ankauf von «Intersection». Eine Befristung für Kunst im öffentlichen Raum hält er «in manchen Fällen» für gerechtfertigt. Die Serra-Plastik zu entfernen fände er aber abwegig. «Der Künstler hat sie für den Theaterplatz autorisiert», sagt er. Serra gehöre zu den weltweit wichtigsten Künstlern. Eine Variante der Basler Skulptur, «Intersection II», steht im Museum of Modern Art in New York. Basels «Intersection» dürfte heute «einen Marktwert von zehn bis fünfzehn Millionen» haben, schätzt Furer. «Welche Stadt könnte sich das heute leisten?»

Was Basel sich an Kunst im öffentlichen Raum leisten will und kann, ist aktuell in Diskussion. Der Kunstkredit als staatliche Förderstelle für bildende Kunst hat seit 2003 jeweils rund 50 000 Franken für Kunstprojekte im öffentlichen Raum zur Verfügung gestellt, Kunst am Bau ausgenommen. 2014 ist kein Wettbewerb ausgeschrieben. Man habe sich eine «Denkpause» zum Thema verordnet, sagt Kunstkredit-Leiterin Katrin Grögel. «Wir werden mögliche Förderformate und zukünftige Initiativen prüfen.»

Die Prüfung hat längst begonnen. 2009 verglich Kunsthistorikerin Isabel Zürcher im Auftrag des Kantons die Fördermodelle in Basel und Zürich. In der Stadt Zürich hat sich 2006 eine eigene, zehnköpfige Arbeitsgruppe für Kunst im öffentlichen Raum gebildet. 2013 genehmigte ihr das Parlament 489 000 Franken, 2012 waren es wegen eines speziellen Projekts fast anderthalb Millionen. Die Entscheide der Arbeitsgruppe entfachen jeweils medienwirksame Debatten.

Die Struktur mit einer eigenen Kommission für Kunst im öffentlichen Raum sei für Basel ein vorstellbares Modell, sagt Bischof. Folge wäre allerdings, dass die Kunstkredit-Kommission einen Teil ihrer Aufgaben abgeben müsste.

Bisher unberührt von alldem bleibt die Serra-Plastik. Manche Passanten erfreut sie, anderen sticht sie wegen des Urin-Geruchs eher in die Nase als ins Auge. Wieder anderen ist all das einerlei. So sagt Dieter Werthemann, Fraktionspräsident der Grünliberalen: «Ich habe nichts gegen die Skulptur. Aber wenn sie nicht mehr da wäre, wäre mir das vermutlich auch egal.» Auch das eine Haltung, um Kunst im öffentlichen Raum zu begegnen.

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