Hinter der Bar ist das stete Tropfen eines Wasserhahns zu hören. Durch die Jalousien dringt spärlich Licht, es taucht das Restaurant in ein verwunschenes Halbdunkel. Auf den Holztischen stehen Salz- und Pfeffermühlen, neben der Bar Olivenöl und Balsamico, in der Spüle türmen sich Espressotassen. Ein Restaurant, das in Betrieb ist – könnte man meinen. Aber die Stühle sind hochgeklappt.

Seit einem halben Jahr ist die Osteria «Mamma Lucia» geschlossen. Sie befindet sich in einer Art Schockstarre: Pächter Enzo Brullo hatte den Ort an der Hüningerstrasse 2, an dem er zehn Jahre mit Erfolg gekocht hatte, im April Hals über Kopf verlassen. Hausbesitzer Pino Frascaro fand wenige Tage danach die Kühl- und Vorratsschränke mit verschimmelten Lebensmitteln vor. Brullo habe sich nicht darum gekümmert, sei nicht erreichbar gewesen, sagt Frascaro. Er steht hinter der Theke, und er ist wütend. «Ich habe lange geschwiegen. Jetzt reicht es», sagt er. Er fühle sich von Brullo «aufs Übelste» verleumdet.

Ende August berichtete die «Tageswoche», dass Brullo im 2017 ein neues Restaurant an der Horburgstrasse eröffne. Am Ort des «Cuor d’Oro», das in wenigen Wochen schliesst. Brullo erklärte, er verlasse das St. Johann wegen eines «Stromschlags»; die elektrischen Installationen seien nicht mehr gewartet worden. Dieses Sicherheitsrisiko für die Küchenmannschaft wolle er nicht mehr in Kauf nehmen.

Der Wirt ist in Konkurs
Frascaro liest den Zeitungsartikel nochmals, dann sagt er: «Das ist eine grosse Lüge, alles gelogen, alles!» Zum Beweis wedelt er mit einem Papier. «Im Oktober 2015 führte die Firma Selmoni eine Kontrolle unserer Elektroinstallationen durch. Sehen Sie, diese entsprechen alle der Norm.» Das Problem sei vielmehr gewesen, dass Brullo die Steckdose mit Doppelsteckern überlastet habe. Dies führte dazu, dass es die Sicherungen rausgeknallt habe. «Deshalb hantierte ein Angestellter an der Sicherung und beschädigte sie. Dann kam es zu diesem Stromschlag.»

Darauf angesprochen, betont Brullo, dass es sich um sehr alte Sicherungsanlagen handle. Er habe sich deshalb an das Eidgenössische Starkstrominspektorat ESTI gewandt. Dieses bestätigt auf Anfrage, im Mai eine Stichprobenkontrolle durchgeführt zu haben – zum Zeitpunkt, als Brullo längst nicht mehr im Restaurant wirtete. Ein ESTI-Sprecher sagt, dabei seien «mehrere Mängel» festgestellt worden, die aber nach wenigen Tagen behoben worden seien.

Brullo kam trotzdem nicht zurück. Der Stromschlag scheint auch nicht der wahre Grund dafür zu sein, weshalb er das Lokal von heute auf morgen verlassen hatte: Am 29. August eröffnete das Zivilgericht Basel-Stadt über die Ristorante Mamma Lucia GmbH den Konkurs. Seit Januar hatte Brullo Hausbesitzer Frascaro keine Miete bezahlt, die Nebenkosten drei Jahre lang nicht, wie Frascaro sagt. Er habe Brullo betreiben lassen, den Betrag über 30 000 Franken aber nicht erhalten. Vor zwei Wochen fand die entsprechende Verhandlung bei der Schlichtungsstelle für Mietstreitigkeiten statt. Frascaro bekam Recht. «Auf das Geld warte ich immer noch», sagt er. Und Brullo schulde ihm weitere 15 000, die er ihm im Rahmen eines Privatkredits geliehen habe. Überhaupt überlege er sich, Brullo wegen Verleumdung anzuzeigen.

Überzeugt vom Konzept
Brullo wiederum kündigt auf Anfrage an, gegen das Urteil der Schlichtungsstelle Einspruch zu erheben, und droht, Frascaro auf 100 000 Franken Schadensersatz einzuklagen. «Dadurch, dass ich die Osteria aus Sicherheitsgründen schliessen musste, entging mir viel Umsatz, und die Löhne der Angestellten konnte ich auch nicht zahlen.» Dass er gewisse Mitarbeiter schwarz beschäftigt haben soll, wie Frascaro zu wissen glaubt, bestreitet Brullo.

Nicht abstreiten kann der Wirt die vielen weiteren Betreibungen, die gegen ihn laufen. Unter den Gläubigern befinden sich der Kanton Basel-Stadt und verschiedene Versicherungen, wie ein entsprechender Auszug zeigt. Frascaro sagt dazu: «Brullo ist ein begnadeter Koch, deswegen habe ich ihn auch jahrelang unterstützt. Aber er kann nicht mit Geld umgehen. Trotz gutem Umsatz ist er jetzt bereits das dritte Mal in Konkurs gegangen.»

Auf die Betreibungen von Brullo angesprochen, sagt Tiziana Sarro, die Besitzerin des Hauses an der Horburgstrasse, wo Brullo ab 1. Dezember wirten will: «Ich habe Kenntnis davon. Seine Erklärungen sind jedoch plausibel, und ich bin vom Konzept überzeugt.» Frascaro verhandelt derweil mit zwei Interessenten über die Weiterführung des Restaurants, wie er sagt. «Trotz der schlechten Presse, die uns Brullo beschert hat, sind wir zuversichtlich, dass das Restaurant in wenigen Wochen wieder geöffnet ist.» Dann kommt endlich wieder richtig Licht ins Halbdunkel.

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