Von Andreas Maurer und Valentin Kressler

Klaus Endress (65) feierte diese Woche seinen Abgang als CEO des Messtechnik-Spezialisten Endress + Hauser. Er verabschiedete sich mit dem vierten Rekordergebnis in Folge, mit einem Umsatz von 1,8 Milliarden Euro. Andere würden nun ein Leben auf Kreuzfahrten beginnen. Endress hingegen will Gemeinderat werden. Auf Anfrage der «Schweiz am Sonntag» bestätigt er, dass er vom Vorstand der FDP Reinach als Kandidat für den Gemeinderat nominiert wurde. Voraussichtlich am 28. September findet die Ersatzwahl für den am Ostersonntag gestorbenen einzigen FDP-Gemeinderat Hans-Ulrich Zumbühl statt. Beflügelt von seinem Erfolg als weltweit tätiger Unternehmer, der seiner Firma als «aktiver» Verwaltungsratspräsident erhalten bleibt, sagt er: «Es würde mich reizen, herauszufinden, ob ich in der Politik nicht Ähnliches erreichen kann wie in der Industrie.»

Als Reinacher Politiker ist Endress bereits seit 1992 tätig. Stolz bezeichnet er sich als den dienstältesten Einwohnerrat: «Die anderen kommen und gehen.» Endress ist geblieben. Er habe festgestellt, dass man im Einwohnerrat tatsächlich etwas bewegen könne. Die Dinge wirklich in Bewegung setzen könne man aber erst im Gemeinderat. Endress ist ein Kritiker dieses Gremiums. Alles dauere viel zu lange, bemängelt er. Deshalb wolle er selber Hand anlegen. «Ich frage mich, ob es nicht schneller gehen könnte.» Zum Beispiel die Strassenplanung. Der Umbau der Hauptstrasse habe «ewig» gedauert. Der nun gebaute Kreisel sei ein Segen für die Gemeinde. Er sorge für eine Verkehrsverflüssigung. Der Stau habe sich aufgelöst. Eine saubere Sache. Endress hätte es nicht besser hingekriegt. Aber möglicherweise schneller, sagt er. Denn er würde versuchen, Vorgehensweisen aus der Industrie in der Verwaltung einführen.

Endress kritisiert: «Die Gemeinde hat kein Konzept, keine langfristige Planung.» Sie habe kein Schulkonzept, kein Sportkonzept, kein Kulturkonzept. Das würde Endress ändern. Er würde es machen wie in seinem Firmengebäude. Er würde sich um einen sorgfältigen Unterhalt mit regelmässigen Sanierungen kümmern. «Beim Staat hingegen gibt es nur Investitionen und Totalsanierungen», sagt er.

Ist Endress in einer anderen Gemeinde zu Besuch, wird er neidisch. Die Sportanlage in Hofstetten-Flüh sei viel schöner als der Reinacher Sportplatz Fiechten. «Wir brauchen Sportplätze, auf denen man mehr machen kann als Fussball spielen», fordert der verheiratete Vater von zwei Kindern. Münchenstein habe mit dem Kuspo einen guten Saal. Die Gemeinde Reinach hingegen besitze keine Räume für offizielle Anlässe, bemängelt Endress. Er wünscht sich ein repräsentatives Gebäude. «Es muss nichts Gigantisches sein», sagt er.

Sollten seine künftigen Gemeinderatskollegen wünschen, in seinem Sitzungszimmer mit den grossen Ledersesseln im Gewerbegebiet Kägen zu tagen, stünden seine Türen selbstverständlich offen. Er wisse, dass dies zwar heikel sein könnte. Man könne ja auf die Idee kommen, dass der Gemeinderat nicht mehr unabhängig sei, wenn er im Büro von Endress + Hauser arbeite. Daher solle man ihn nicht falsch verstehen, sagt Endress. Er würde diese Idee nicht von sich aus bringen. Aber er würde nicht Nein sagen, wenn man ihn fragen würde.

Denn praktisch wäre es für beide Seiten. Endress spart sich den Weg. Und die Gemeinderäte hätten etwas zu trinken an der Sitzung. Das gehört bei Endress dazu. Auf dem massiven Sitzungstisch steht bei jedem Platz ein silbernes Tablett mit einer kleinen Getränkeauswahl. Die Mitglieder der Finanzkommission des Einwohnerrats wissen, wovon die Rede ist. In den acht Jahren, in denen Endress die Kommission führte, tagte diese an seinem Sitzungstisch. «Danach sind wir immer zusammen in eine Kneipe gegangen», erinnert sich der Patron.

Endress redet gerne und er redet viel. Für seine Gesprächspartner kann es zur Herausforderung werden, selber zu Wort zu kommen. Endress als einer von sieben am Gemeinderatstisch, das ist schwer vorstellbar. Das wäre aber ohnehin nur die Übergangslösung. «Am liebsten hätte ich das Präsidium», sagt Endress. Sein Plan sieht folgendermassen aus: «Wenn ich nach zwei Jahren im Gemeinderat feststelle, dass es mir Freude macht, dann möchte ich für eine Legislatur das Präsidium übernehmen.»

Doch wieso wird er, der seit 2005 auch Mitglied des Universitätsrats der Universität Basel ist, nicht gleich Regierungsrat? Oder Nationalrat? Es sei explizit das Lokale, das ihn reize, antwortet er. «Alles ist im Sichtbereich. Man kann mit den Leuten reden», sagt er. Der Kanton sei da schon weiter weg, der Bund erst recht. Es sind die Grasbüschel, die in Reinach überall zwischen den Bordsteinkanten wuchern würden und die man dringend pflegen sollte, die Endress als handfeste Herausforderung anpacken möchte. «Ich will wissen, ob ich das nicht besser machen kann.»

Ideen für eine schlanke Führung der Gemeinde geistern schon lange herum. Aktuell wird in Reinach diskutiert, ob der Gemeinderat aus finanziellen Gründen von sieben auf fünf Mitglieder reduziert werden soll. Davon hält Endress überhaupt nichts: «Das ist eine Lachnummer.» Es sei beschämend, die 40 000 Franken, die man damit sparen würde, überhaupt zu erwähnen angesichts der Millioneninvestitionen der Gemeinde.

Den amtierenden Gemeindepräsidenten Urs Hintermann (SP) bezeichnet Endress als «guten Kerli». Das Problem sieht er in der Zusammenarbeit zwischen Gemeinde- und Einwohnerrat, die sich in den letzten zwanzig Jahren verschlechtert habe. Daran seien beide Seiten schuld. Endress wüsste, wie man das angehen sollte: «Es braucht Verbesserungsprozesse wie in der Industrie.»

Endress will in der Politik aufsteigen, obwohl er sie nicht schätzt. Einer seiner Lieblingssprüche lautet: «Politik beginnt dort, wo das Wissen aufhört.» In der Politik gehe es um Personen und nicht um Sachen. «Das stört mich.»

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