Der Rucksack steht bereit, das kleine Herz schlägt höher: Morgen Montag ist Schul- und Kindergartenanfang. Für Hunderte Kinder in den Kantonen Basel-Stadt und Baselland beginnt ein neuer Lebensabschnitt. Sie werden aber nicht nur das Abc und Rechnen lernen. Nicht alle, aber viele Buben und Mädchen tun morgen die erste Reise ohne die Eltern: Der Schulweg ist für sie der erste Schritt in die Unabhängigkeit. Es gibt vieles zu entdecken und zu erfahren, etwa Blumen am Wegrand oder erste Kontakte mit den Schulgspänli. Dabei nimmt das Kind Gefahren oftmals gar nicht wahr. Andreas Stäheli vom Fachverband Fussverkehr Basel sagt: «Erst mit etwa acht Jahren entwickelt sich ein vorausschauendes Gefahrenbewusstsein.»

Diese Tatsache ist für viele Eltern Grund genug, einzuschreiten. Der Schulweg ihrer Sprösslinge beginnt in der Tiefgarage, das Kind wird im Auto zur Schule chauffiert. Das sorgt für regen Verkehr. Marco Dähler, Leiter öffentliche Sicherheit bei der Gemeinde Aesch, sagt, das Problem habe sich beim Schützenmattschulhaus in den vergangenen Jahren akzentuiert. Innert fünfzehn Minuten würden bis zu 300 Fahrzeuge vorfahren: «Die Eltern halten genau vor den Ausgängen und gefährden somit die Kinder, die den Schulweg zu Fuss zurücklegen», sagt Dähler. 2011 liess die Gemeinde eine hundert Meter lange Halteverbotslinie vor dem Schulhaus anbringen. Die Bilanz ist durchzogen: «Intensiviert die Gemeindepolizei die Kontrollen, lässt der Verkehr nach. Aber sobald unsere Präsenz abnimmt, kommen sie wieder, die Autos», sagt Dähler.

Filme und Broschüren
In Allschwil eröffnet morgen das Schulhaus Gartenhof, das die Schulhäuser Gartenstrasse und Bettenacker ersetzt. Rund 500 Primarschüler finden hier Platz. Halteverbotslinien seien keine vorgesehen, sagt Gemeindepolizist Andreas Meyer: «Wir wollen die Situation zuerst beobachten.» Gesamtschulleiter Roland Gindrat weist darauf hin, dass die Gemeinde zur Eröffnung des Gartenhofs den Eltern einen Prospekt abgegeben habe mit einem sicheren Schulwegplan und Tipps zum Thema. «Damit hoffen wir, das Elterntaxi verhindern zu können.»

Auch Aesch hat in den vergangenen Jahren einiges unternommen, um die Sicherheit der Schulwege zu erhöhen und Vertrauen bei den Eltern zu schaffen. So wird etwa ein Schulwegplan abgegeben, und auf der Homepage der Primarstufe findet sich ein Film über richtiges Verhalten im Verkehr. In Basel-Stadt wiederum setzen die Behörden auf einen digitalen Berater: Der Online-Schulweg unterstütze die Eltern bei der Suche nach der sichersten Route, teilte das Justiz- und Sicherheitsdepartement diese Woche mit. Die Idee findet auch auf dem Land Anklang. Oliver Sprecher, Leiter der Primarstufe in Reinach, sagt, er könne sich ein solches Tool für seine Gemeinde vorstellen. «Konkrete Pläne bestehen aber nicht.»

Untätigkeit in Reinach
Im Vergleich zu anderen Gemeinden fällt Reinach aus dem Rahmen. Hier werden weder Broschüren noch Pläne abgegeben noch Filme produziert. Sprecher sagt: «Es besteht kein Handlungsbedarf, da sich die Kinder auf ihren Schulwegen in beruhigten Quartierstrassen bewegen.» Man sorge bei der Einteilung dafür, dass kein Kind die Hauptachsen überqueren müsse.

Dies muss in den Ohren von Patrick Suter wie blanker Hohn klingen. Sein Sohn hat in den vergangenen zwei Jahren den Kindergarten besucht. Dieser befindet sich zwar lediglich 500 Meter vom Zuhause der Suters entfernt – doch der Kleine wurde jeden Tag mit dem Auto hingefahren und abgeholt. Der Grund: Der Junge hätte die stark befahrene Hauptstrasse und die Tramgleise überqueren müssen. «Das ist für einen Vierjährigen trotz Lichtsignalen und Fussgängerstreifen unzumutbar», sagt Suter, der seinen Fall in der «bz» publik gemacht hatte. Das Problem: In den Kindergärten im Quartier hatte es keinen Platz mehr. Die Suters rekurrierten erfolglos gegen den Entscheid des Schulrats. Sprecher sagt dazu, dass es sich hierbei um einen Einzelfall handle. Suter beteuert, von mindestens einem weiteren Fall Kenntnis zu haben.

Morgen beginnt für Suters Sohn die Schule, und nun geht er zu Fuss, da sie sich auf derselben Strassenseite befindet. Der Vater hält aber fest: «Eine Broschüre zum Schulweg ist doch das Mindeste, was Eltern von der Gemeinde erwarten können.» Darüber wird sich sein Sohn keine Gedanken machen. Auf ihn wartet ein grosses Abenteuer.

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