Der Kugelschreiber fliegt übers Papier, wenn John Baker Ideen notiert. Ein Promofilm für die Website soll her. Der Kontakt zu Basler Institutionen könnte intensiver sein. «Grossartig wäre es, wenn wir an der Basler Fasnacht mitmachen würden», sagt Baker und setzt ein Ausrufezeichen auf seinen Block.

Baker ist Präsident des Vereins Centre Point – ein Ort, an dem sich Menschen treffen, die englisch sprechen und soziale Kontakte pflegen möchten. Er will mit dem Angebot raus, in die Stadt. Die Leute, die zum ersten Mal durch die Tür der Vereinsräumlichkeiten im Lohnhof treten, wollen oft das Gegenteil: Sich einen Moment lang erholen von Basel, eine vertraute Sprache hören, Leute treffen, die ihre Probleme kennen.

Viele der über 500 Mitglieder sind sogenannte «Spouses». Sie sind wegen der Jobs ihrer Partner oder Parterinnen nach Basel gekommen. Diese finden im Berufsumfeld rasch Kollegen. Die Angehörigen sehen sich mit einer anderen Realität konfrontiert: Im Alltag fehlen Strukturen, Freunde, Sprachkenntnisse und berufliche Perspektiven. Gemäss einer Studie der Permits Foundation, die sich um die Verbesserung der Arbeitsmöglichkeiten von Expat-Partnern weltweit kümmert, waren rund neunzig Prozent im Heimatland berufstätig. Im Gastland sind es noch rund 35 Prozent.

John Baker kennt die Situation. 2012 setzte sich seine Frau im Bewerbungsmarathon um eine Stelle bei Novartis durch. Der Brite war damals in England im Immobilienbereich tätig. Heute ist er Hausmann und ehrenamtlich Centre-Point-Präsident. Er erinnere sich gut an die verwirrenden ersten Monate in Basel, sagt er. Als mitreisender Partner war er für die Organisation des Alltags zuständig – ohne zu wissen, wie dieser Alltag funktionierte. «Manchmal braucht man bloss jemanden, der einen zu Ikea fährt, oder jemanden, um mal übers Wetter zu reden», sagt er, «dann wäre das Leben gleich viel leichter.»

Bei der Arbeitssuche helfen inzwischen Anbieter wie das «Spouse Career Centre», der Kanton Basel Stadt veranstaltet 2013 eine «Spouse Konferenz» zu Fragen der Jobsuche. Für die Schwierigkeiten vieler «Spouses», die weit über berufliche Fragen hinausgehen, hat die Psychologie längst einen eigenen Begriff gefunden: «Expat Blues». Lang sah man vor allem Frauen als Betroffene. Der Besuch bei Centre Point zeigt, dass auch Männer wissen, was gemeint ist.

Zum Beispiel Glen, ein Mittvierziger aus Neuseeland, der bei Centre Point zum «Kaffee auf Deutsch» vorbeikommt. Er sagt: «Centre Point hat mich gerettet». Gesucht hat er die «Rettung» allerdings erst nach vielen Jahren. Am Anfang lief alles gut: Glen kam 2001 aus Liebe zu einer Baslerin in die Schweiz, wurde in ihren Freundeskreis aufgenommen, fand rasch Arbeit und war bestens integriert. Mit Expats wollte er nichts zu tun haben.

Doch mit der Zeit spürte er, dass etwas nicht stimmte. Die Wurzeln fehlten. In nahezu perfektem Deutsch erklärt er: «Wenn man eine Fremdsprache spricht, ist man nie ganz bei sich. Von dem, was man wirklich sagen will, kommt nur ein Bruchteil an.» Er greift sich an die Kehle: «Hier gibt es Stau, wenn man sich nicht richtig ausdrücken kann.» Bei ihm führte der Stau zu Depressionen. Nach einiger Zeit gestand er sich ein, dass er den Kontakt zu anderen Expats brauchte. Seit er diesen bei Centre Point finde, gehe es ihm gut.

Auch John Baker scheint heute ein Mann ohne nennenswerte Probleme. «Einmal sind uns die Handtücher im Badezimmer ausgegangen», sagt er, «das war der grösste Skandal in meiner Zeit als Präsident von Centre Point.» Im Juni allerdings wird er mit stärkeren Turbulenzen konfrontiert: Vor Gericht steht der ehemalige Kassier, der das Vereinskonto 2011 um über 100 000 Franken erleichterte. Die Staatsanwaltschaft beantragt eine bedingte Freiheitsstrafe von neun Monaten. Der Gedanke an den Veruntreuungsfall entlockt Baker einen tiefen Seufzer. In der fast zwanzigjährigen Vereinsgeschichte sei dieser Vertrauensbruch eine absolute Ausnahme, sagt er. Keine Ausnahme waren die Lebensumstände des ehemaligen Kassiers. Auch er war ein mitgereister Partner. Seine Frau arbeitete bei Novartis, er war Hausmann.

Lieber als über diesen Fall spricht Baker über das Vereinsjubiläum im nächsten Jahr – und über die Fasnacht. Eine Einführung in «die drey scheenschte Dääg» gibt den Centre-Point-Mitgliedern seit acht Jahren die Spezi-Clique. Weitere Pläne bleiben vorerst Notizen auf John Bakers Block. Während die Fasnacht ringsum tobt, ist das Vereinslokal im Herzen Basels geschlossen.

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