Ein Bankkonto eröffnen, einen Lehrvertrag unterschreiben oder einer Operation zustimmen: Wer unter 18 Jahre alt ist, braucht für grössere und kleinere Entscheidungen im Alltag die Einwilligung eines Erwachsenen. In der Regel sind dies die Eltern. Doch was, wenn sie Hunderte von Kilometern entfernt leben? So wie bei den 2736 Kindern und Jugendlichen, die im vergangenen Jahr ohne Eltern in die Schweiz flüchteten.

Für sie sei «so rasch als möglich eine Beistand- oder Vormundschaft zu errichten»: Zu diesem Schluss kam am Freitag die Konferenz der kantonalen Sozialdirektorinnen und Sozialdirektoren. An die Adresse der Kantone verabschiedete sie Empfehlungen im Sinne von «Minimalstandards». Die minderjährigen Asylsuchenden dürften «nicht wie De-facto-Erwachsene» behandelt werden, schreibt die Sozialdirektorenkonferenz. Dazu gehörten eine kindergerechte Unterbringung, eine sozialpädagogische Begleitung – und Beistände oder Vormünder.

Basel-Stadt kennt diese fürsorgerische Massnahme seit längerem. Im Baselland hingegen herrscht Uneinigkeit: Die sechs Kinder- und Erwachsenenschutzbehörden (Kesb) regeln dies unterschiedlich.

Wie Mina Lexow von der Kesb Frenkentäler sagt, erhalten in deren Gemeinden alle jugendlichen Asylsuchenden einen Beistand. Anders bei der Kesb Gelterkinden-Sissach oder der Kesb Leimental: Sie ernennen in der Regel einen Beistand erst, wenn ein Hinweis vorliegt, dass das Kindswohl gefährdet ist. Ludwig Kovacs von der Kesb Gelterkinden-Sissach sagt, das sei eine «Hol-Schuld» der Gemeinden, Pflegefamilien oder Zentren, in denen die minderjährigen Asylsuchenden leben: «Wir müssen vom Schutzbedarf erfahren, damit wir handeln können – wie bei allen anderen Kindern und Jugendlichen auch», sagt Kovacs. Für die Vizepräsidentin der Kesb Leimental, Jeanette Lüscher, ist eine Beistandschaft unnötig, wenn sich die Sozialdienste der Gemeinden um die Jugendlichen kümmern. Es gelte, die Abläufe nicht aufzublasen: «Ein Beistand kann wie ein Durchlauferhitzer wirken, da dieser keine Finanzen verwaltet. Sind zu viele Leute in die Prozesse involviert, führt das zu Verzögerungen, was nicht im Sinne des Kindswohls ist», sagt Lüscher.

Neu gegründeter Verein
Anders sieht dies Eva Malikova. Die Juristin hat vier Jahre lang als Beiständin im Kanton Basel-Stadt gearbeitet und mit Tessa von Salis das Kompetenzzentrum für unbegleitete minderjährige Asylsuchende (Kuma) mit Sitz in Muttenz gegründet. Seit März bieten die beiden Juristinnen Beistandschaften für junge Flüchtlinge an. «Sie sind eine Gruppe mit spezifischen Problemen. Es braucht Fachwissen und eine entsprechende Vernetzung, damit rasch Lösungen gefunden werden», sagt Malikova. Man müsse gezielte Fragen und Abklärungen vornehmen. Die beiden Juristinnen arbeiten im Erstaufnahmezentrum für unbegleitete minderjährige Asylsuchende in Arlesheim – auch als Beiständinnen. Und was passiert, wenn die Jugendlichen nach einigen Monaten in ein Heim oder eine Pflegefamilie wechseln? «Aus unserer Sicht ist eine längerfristige Begleitung sinnvoll. Erst wenn Vertrauen vorhanden ist, erzählen sie von ihren Problemen», sagt Malikova. Zentral sei jedoch, dass für jeden Minderjährigen ein Beistand ernannt werde. Dass dies nicht immer der Fall ist, erfuhr sie diese Woche. Ein Jugendlicher trat aus dem Erstaufnahmezentrum aus; die zuständige Kesb Leimental entschied, keine Beistandschaft einzusetzen.

Für den Baselbieter Asylkoordinator Rolf Rossi macht dies «absolut keinen Sinn»: «Ein Beistand ist ein Kontrolleur ausserhalb der Verwaltung. Damit ist der Jugendliche nicht der staatlichen Willkür ausgesetzt, sondern hat eine unabhängige Ansprechperson, die seine Interessen wahrt», sagt Rossi. Einige Baselbieter Kesb müssen nun über die Bücher.

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