Architekturwettbewerbe sind wie Restaurantbesuche. Wenn man ein Schnitzel essen möchte, bestellt man ein Schnitzel. Dann sollte man sich aber auch nicht wundern, wenn man tatsächlich das Schnitzel bekommt.

Mit der Überbauung Volta Ost hat Immobilien Basel-Stadt nun eine ganze Sau bestellt – eine eierlegende Wollmilchsau. Zumindest geht dies aus der kürzlich publizierten Ausschreibung hervor. Die Überbauung soll all das bieten, was in der Volta derzeit mit der Aufwertung vom traditionellen Arbeiterquartier zur hippen Hochpreisinsel zu kurz kommt: Auf den über 15 000 Quadratmetern Fläche zwischen Voltaplatz und Wasserstrasse sind Sozial- und Studentenwohnungen geplant, des weiteren Büros, Ateliers und eine Vielzahl an Quartierwohnungen. Die Kita von Familea, die bereits jetzt auf dem Areal steht, soll ebenfalls einen Platz finden im neuen Volta Ost.

Immobilien Basel-Stadt plant, die Räumlichkeiten zu erschwinglichen Preisen zu vermieten; und gleichzeitig eine «marktübliche Rendite» zu erzielen. Das will die Eigentümerin und Bauherrin mit einer «geringen Mietbelastung pro Mieteinheit» erreichen. Einfacher ausgedrückt: kleine Wohnungen. Trotz wenig Raum soll mit geschickten Kniffs aber auch das nachbarschaftliche Zusammenleben gefördert werden. Und zwar nicht nur zwischen den Bewohnern, sondern mit dem ganzen Quartier, das von der Überbauung «nutzungsmässig und städtebaulich sinnvoll» ergänzt werden soll. Die Frage ist jetzt nur noch, wer diese Wollmilchsau servieren kann.

Um herauszufinden, wie die Bestellung genau aussehen soll, damit sie alle am Tisch – inklusive das Quartier – zufriedenstellen kann, hat Immobilien Basel-Stadt bereits vor fünf Jahren das Gespräch mit dem heutigen Stadtteilsekretariat Basel-West gesucht, der Nachfolgeorganisation der Quartierkoordination St. Johann. Gemäss Präsident Peter Jossi war die Zusammenarbeit mit Immobilien Basel-Stadt aber nicht immer so konstruktiv, wie er sich das gewünscht hätte. «Wir wurden wiederholt vor vollendete Tatsachen gestellt», sagt er. Im Vorfeld der Ausschreibung habe es gar keinen Kontakt mehr gegeben.

Im 21-köpfigen Gremium, das entscheidet, welcher Projektvorschlag im Rahmen der Ausschreibung den Zuschlag bekommen soll, sitzt eine einzige Quartiervertreterin. Barbara Rentsch, die Leiterin Portfoliomanagement der Immobilien Basel, erklärt das damit, dass es in der Jury um «Expertenwissen im Bereich Bau und Nutzung» gehe. Die soziologischen Aspekte seien bereits in einem früheren Stadium berücksichtigt worden und ins Wettbewerbsprogramm eingeflossen. Sie verweist auf die Sitzungen mit dem Stadtteilsekretariat und auf Quartierstudien des Präsidialdepartements.

Matthias Drilling, Leiter des Instituts für Sozialplanung und Stadtentwicklung an der Fachhochschule Nordwestschweiz, kann sich nach dem Studium der Ausschreibung jedoch nicht vorstellen, dass eine intensive Auseinandersetzung mit den Bedürfnissen des Quartiers stattgefunden hat. Das sehe man schon daran, dass explizite Gemeinschaftsflächen aus Kostengründen nicht vorgesehen seien. Als Möglichkeit der Kompensation werden in der Ausschreibung Aufenthaltsgelegenheiten bei Hauszugängen oder Kaffeeecken im gemeinsamen Waschraum genannt. «Sowas ist doch realitätsfremd», sagt Drilling. «Oder glauben Sie, die Integration der Novartis-Angestellten, die gleich vis-à-vis arbeiten und ihre Kinder morgens in die Kita bringen, findet in der Waschküche statt? Die jetzige Ausschreibung ist in Bezug auf ihren Anspruch, eine Quartiererweiterung zu sein, schlicht ideenlos. Das wird eine solide Arealüberbauung. Mit Städtebau, wie er beispielsweise in der Kalkbreite betrieben wurde, hat das wenig zu tun.»

Die Kalkbreite ist das Musterbeispiel für eine gelungene sozial-integrative Quartierergänzung, wie sie den Immobilien Basel-Stadt vorschwebt. Bei der 2014 eröffneten Überbauung im Zürcher Kreis 4 wurde ein ähnliches Konzept verfolgt wie bei Volta Ost: wenig Privatraum, viel Integration. Mit dem Unterschied, dass in Zürich explizite Begegnungsflächen gebaut wurden. Heute leben dort 250 Menschen wie in einem Dorf – und werden fast überrannt von Quartierbewohnern, die sich in den Komplex integrieren.

Kalkbreite-Projektleiter Thomas Sacchi erzählt, dass das Konzept aus dem Quartier heraus entstanden sei. «Die Partizipation war der Schlüssel zum Erfolg.» In einem einjährigen Mitgestaltungsprozess, der nach einer ersten Planungsphase nochmals aufgenommen wurde, hätten fünfzig Anwohner ihre Ideen eingebracht. Deshalb werde das Angebot jetzt auch so stark genutzt.

Peter Jossi will trotz Rückschlägen nicht aufgeben: «Wir werden jetzt nochmals versuchen, die Anliegen der Quartierbewohner in den Prozess einzubringen. Ich denke, das ist immer noch möglich». Kalkbreite-Planer Markus Sacchi gibt sich pessimistischer: «Wenn die Architekten ihre Pläne einreichen, ist der Mist gekehrt. Man kann nicht das Schnitzel bestellen, und wenn es kommt, plötzlich doch die Spaghetti wollen.»

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