Von Valentin Kressler und Andreas Maurer

Herr Spiess, am Freitagnachmittag gab Landratspräsidentin Daniela Gaugler ihren Rücktritt bekannt. Was war Ihr erster Gedanke?
Dieter Spiess: Dieser Entscheid hätte schon viel früher gefällt werden sollen.

Wie wären Sie als SVP-Präsident mit der Affäre Gaugler umgegangen?
Jeder Präsident hat in seiner Amtszeit solche Vorkommnisse. Auch ich. Nur hat man dies in der Öffentlichkeit nicht gemerkt.

Weshalb?
Ich hatte ein Frühwarnsystem, um rechtzeitig zu intervenieren.

Sie hätten früher interveniert?
Ja. Eine Person, die Landratspräsidentin werden will, muss man vor der Nomination sauber durchleuchten. Dies, zumal man ja vorher gewusst hat, dass in Lausen ein Schwelbrand glimmt. Man hätte von Daniela Gaugler verlangen müssen, diese Angelegenheit zu regeln oder auf das Amt zu verzichten.

Sie wussten von Gauglers juristischen Problemen?
Ja, schon längere Zeit. Das wusste aber nicht nur ich. Das zeigte sich ja auch daran, dass ihr Landratspräsidentenfest in Lausen «mager» besucht war.

Kennen Sie Daniela Gaugler persönlich?
Ja. Daniela Gaugler habe ich in Erinnerung als eine Person, die alles auf ihre politische Karriere ausgerichtet hat. Und das ist jetzt eskaliert.

Sie hätten Daniela Gaugler also nicht als Landratspräsidentin aufgestellt?
Ich hätte es zu verhindern gewusst. Ich habe immer die Meinung vertreten, dass es nicht gut ist, wenn ein Mitglied der Landratsfraktion gleichzeitig Parteipräsident ist, wie jetzt Oskar Kämpfer. Denn das führt eher zu falschen Rücksichtsnahmen gegenüber Fraktionsmitgliedern. In der Politik darf und kann man es aber nicht allen recht machen wollen. Manchmal muss man sich im Interesse einer Sache auch unbeliebt machen. Und vergessen Sie nicht: Daniela Gaugler repräsentierte ja nicht nur die SVP, sondern den ganzen Kanton. Eine Landratspräsidentin muss über Integrität verfügen. Diese hat sie schon vor einiger Zeit verloren.

Daniela Gaugler bekräftigte in ihrem Rücktrittsschreiben frühere Aussagen, wonach die Angelegenheit mit dem Amt nichts zu tun habe.
Das stimmt schlicht nicht. Das Private hört dann auf, wenn es die Öffentlichkeit interessiert. Wenn ich mit meinem Geschäft Konkurs gemacht hätte, hätten dies die Medien damals zu Recht auch aufgenommen.

Die aktuelle SVP-Parteileitung um Oskar Kämpfer hat sich zuerst hinter Gaugler gestellt, dann lange geschwiegen und sich erst am Freitagnachmittag in einer Mitteilung wieder zu Wort gemeldet, in der die Medien kritisiert werden.
Jeder darf einmal in den Ferien sein. Es gibt aber Dinge, die Chefsache sind und bei denen man, auch wenn es unangenehm ist, den Kopf hinhalten muss. Ich musste auch hinstehen, als Jörg Krähenbühl als Regierungsrat abgewählt wurde. Das gehört sich einfach. Ich habe extrem Mühe damit, wenn Oskar Kämpfer sagt, es sei eine Schmutzkampagne der Medien. Das Schlimmste, was man in solchen Situationen tun kann, ist, den Medien den schwarzen Peter zuzuschieben.

Wie beurteilen Sie die Rolle der Medien in der Affäre Gaugler?
Sie haben ihre Aufgabe erfüllt. Punkt. Eigentlich waren sie sogar sehr anständig.

Die Affäre Gaugler schadet der SVP im Hinblick auf die kantonalen Wahlen im Februar 2015 massiv.
Es ist sicher nicht förderlich. Innerhalb der SVP ist viel Geschirr zerschlagen worden. Das tut mir wirklich weh. Viele SVP-Wähler werden jetzt sagen, die SVP sei eine Partei wie jede andere auch.

Ihr letztes Interview zur Baselbieter Politik gaben Sie vor zwei Jahren der «Basler Zeitung». Damals bezeichneten Sie einige SVP-Exponenten als «Einzelkämpfer». Fühlen Sie sich bestätigt?
Ja, den entscheidenden Leuten fehlt das Sensorium. Sie spüren die Basis nicht. Oskar Kämpfer ist ein Kämpfer in einer Ritterrüstung mit einem ganz kleinen Visier.

Kämpfer tritt gemässigter auf als Sie, Herr Spiess. Sie galten als Hardliner. Unter Ihnen wurde Krähenbühl abgewählt. Kämpfer brachte Thomas Weber in die Regierung. Sein neuer Stil kommt besser an als Ihrer.
(Lacht.) Jetzt warten wir einmal die nächsten Wahlen ab. Ich gebe Ihnen aber recht: Ich hatte eine klare Linie. Sie hat die SVP zur wählerstärksten Partei gemacht. Jörg Krähenbühl hat sich selber geschlagen mit seiner Aktion in Reinach.

Da ging es um eine Tramhaltestelle vor seinem Sportgeschäft. Krähenbühl kommunizierte ungeschickt. Dafür tragen aber auch Sie als damaliger Parteipräsident Verantwortung.
Es ist nicht die Aufgabe eines Parteipräsidenten, für einen Regierungsrat zu kommunizieren. Ich habe sein Verhalten nicht verstanden und habe mich deswegen auch mit ihm überworfen.

Sprechen wir über die Zukunft: Die SVP hat Monica Gschwind von der FDP als neue bürgerliche Kandidatin nominiert anstatt Caroline Mall von der SVP. Wie beurteilen Sie dies?
Das finde ich falsch. Vor allem, weil wir mit Caroline Mall eine ausgezeichnete Regierungsratskandidatin mit sehr guten Wahlchancen gehabt hätten. Zudem wurde der Anspruch auf den Ständeratssitz nicht geregelt.

Zuerst hiess es, dass die FDP Anspruch darauf habe. Nun ist es wieder offen.
Die SVP hat zwei Trümpfe aus der Hand gegeben. Die SVP muss aufpassen, dass sie von der FDP nicht rechts überholt wird. Die FDP macht das geschickt. Ich finde es zudem nicht glücklich, dass Caspar Baader als Nationalrat zurückgetreten ist. Bei den Gesamterneuerungswahlen könnte es schwierig werden, dass die SVP ihre zwei Sitze halten kann.

Man sagt, dass Christian Miesch von Kämpfer zum Amt gedrängt wurde, da sonst Sie, Herr Spiess, nachgerückt wären.
Das kann ich aus der Sicht von Oskar Kämpfer verstehen (lacht).

Wären Sie tatsächlich nachgerückt?
Ich sage es ganz offen: Mir wurde eine Riesen-Entscheidung abgenommen.

Wahrscheinlich hätten Sie Ja gesagt.
Ja, ich bin ein Bergsteiger, ein Marathonläufer. Viele SVP-Nationalräte sagten mir, sie hätten mich gerne in ihrer Fraktion gesehen.

Hätten Sie bei den Gesamterneuerungswahlen 2015 bessere Wiederwahlchancen gehabt als Miesch?
Es wäre mir gelungen, in Bern mit Sicherheit mehr Aufmerksamkeit für den Kanton Baselland und ganz allgemein zu erreichen.

Sie haben viel zur SVP Baselland zu sagen. Trotzdem haben Sie sich aus dem Parteileben zurückgezogen. Werden Sie am Parteitag vom kommenden Donnerstag wieder teilnehmen?
Ja, nach Langem wieder einmal!

Werden Sie etwas sagen?
Das kann sein. Und wenn ich nichts sage, werde ich bestimmt wegen dieses Interviews attackiert. Deshalb gehe ich auch hin. Ich stehe zu meinen Aussagen.

Welche Folgen hat die Affäre Gaugler sonst noch für die Baselbieter Politik?
Ich habe viele Kontakte mit Leuten, die apolitisch sind. Diese werden in ihrer Politverdrossenheit und Abstinenz bestätigt. Die Parteien entfernen sich von den Bürgern.

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