Von Valentin Kressler

Frau Gutzwiller, die Baselbieter Bürgerlichen wollen mit einer zusätzlichen Kandidatur bei den Regierungsratswahlen im Februar 2015 einen vierten Sitz erobern. Unterstützen Sie diese Strategie?
Barbara Gutzwiller: Ja, ich begrüsse die Strategie aus grundsätzlichen Überlegungen. Je mehr bürgerliche Vertreter in der Regierung sind, desto besser. Ich wünsche mir eine Regierung, die möglichst wirtschaftsnah politisiert, und das ist mit bürgerlichen Vertretern eher gewährleistet als mit linken. Denken Sie etwa an die Mindestlohn- oder die 1:12-Initiative, die von der SP unterstützt wurden. Solche Forderungen sind wirtschaftsfeindlich. Eine vierte Kandidatur ist aber auch mutig, von ihrem Wähleranteil her haben die Bürgerlichen eigentlich Anspruch auf drei Sitze.

Mit welcher Taktik können SVP und FDP ihr Ziel am ehesten erreichen?
Wichtig ist, dass sich die Parteien bei ihren Gesprächen hinter den Kulissen wirklich einig werden und keinen faulen Kompromiss eingehen. Sie müssen der Öffentlichkeit ein echtes, glaubwürdiges Viererticket präsentieren und gegen aussen geeint auftreten.

Die CVP will sich noch nicht zur Allianz mit SVP und FDP bekennen. Ohne Unterstützung der CVP wird der bürgerliche Angriff aber kaum Erfolg haben.
Die CVP ist nicht unter Zugzwang. Mit Finanzdirektor Anton Lauber hat sie einen Kandidaten mit einem guten Leistungsausweis. Wenn die CVP als bürgerliche Partei anerkannt sein will, sollte sie sich aber FDP und SVP anschliessen. Sonst hat sie ein Image-Problem.

SVP und FDP spielen mit dem Feuer: Mit einer zusätzlichen Kandidatur könnten die Bisherigen Sabine Pegoraro (FDP) und Thomas Weber (SVP) verdrängt werden.
Solche Risiken bestehen immer. Die Parteileitungen müssen sich taktisch klug verhalten und dürfen die Sicherung des dritten Sitzes nicht ausser Acht lassen. Ich persönlich sehe keinen Grund, Pegoraro oder Weber nicht zu unterstützen.

Obwohl beide bei der Wirtschaftsoffensive keine gute Figur machen.
Ja. Bei der Wirtschaftsoffensive besteht tatsächlich noch Potenzial nach oben. Ich bin auch erstaunt, dass sich Wirtschaftsförderer Marc-André Giger noch nicht bei uns gemeldet hat.

Weshalb rufen Sie nicht ihn an?
Das ist nicht meine Aufgabe.

Soll die SVP oder die FDP die zusätzliche Kandidatur stellen?
Diese Frage steht für mich nicht im Vordergrund. Entscheidend ist das Profil: Die Person muss wirtschaftsnah sein und an die ganze Region denken, nicht nur kleinkrämerisch ans Baselbiet. Für den Erfolg unseres Wirtschaftsraums sind diese beiden Voraussetzungen unabdingbar.

Das spricht gegen eine Kandidatur der SVP, die sich für ein abgeschottetes Baselbiet einsetzt.
Ja, da muss ich Ihnen beipflichten. Allerdings kann man das, was man in Abstimmungs- oder Wahlkämpfen fordert, in der Regierung nicht eins zu eins umsetzen. Partei-Ideologien haben in einer Exekutive keinen Platz mehr.

Die FDP verfügt zudem über die grössere Auswahl an möglichen Bewerbern als die SVP.
Ich nenne Ihnen noch ein weiteres Argument, das für eine Kandidatur der FDP spricht. Bei Majorzwahlen sind die Erfolgschancen der FDP in der Regel grösser als jene der SVP.

Am offensivsten drängt mit der Reinacher Landrätin Caroline Mall aber eine Vertreterin der SVP in die Regierung. Wäre sie eine geeignete Kandidatin?
Das kann ich nicht beurteilen, da ich sie nicht gut kenne. Den Medien entnehme ich, dass sie sich vor allem zu familien- und bildungspolitischen Themen äussert. Offensichtlich aspiriert sie auf den Sitz des zurücktretenden Bildungsdirektors Urs Wüthrich (SP). Ich finde es schwierig, wenn sich ein Bewerber auf ein einziges Gebiet fokussiert, denn es steht eine Gesamterneuerungs- und nicht eine Ersatzwahl an. Man muss bereit sein, jede Direktion zu übernehmen.

Wer ist Ihr Favorit?
Ich habe keinen. Von allen Personen, die im Gespräch sind, hatte ich bisher nur mit Frau Mall Kontakt. Ich habe sie bei einer Veranstaltung zur Masseneinwanderungsinitiative erlebt. Sie hat die Initiative unterstützt und damit gegen die Interessen der Wirtschaft gehandelt.

Bei der FDP gilt der Birsfelder Gemeindepräsident Christof Hiltmann als Favorit.
Wie gesagt: Ich kenne ihn nicht.

Unsere These: SVP und FDP haben es verpasst, einen Kandidaten gezielt aufzubauen.
Das sehe ich auch so. Bei beiden Parteien ist keine Kandidatur auszumachen, die sich wirklich aufdrängt. Das finde ich sehr bedauerlich. In der Wirtschaft wäre es undenkbar, dass sich ein Unternehmen nicht mit der Zukunftsplanung auseinandersetzt.

Wo liegt der Fehler?
Bei den Parteileitungen, sie haben das Versäumnis zu verantworten.

Der Unternehmer Klaus Endress kritisiert, der FDP fehle unter Christine Frey ein richtiges Profil.
Ja, diese Einschätzung teile ich. Die Partei hat sich von der Mitte in Richtung SVP bewegt. Die Bevölkerung wählt in der Regel aber lieber das Original als die Kopie. Der Kurswechsel macht es nicht einfacher, längerfristig geeignete Kandidaten aufzubauen.

Wie beurteilen Sie, dass SVP und FDP ihre Kandidaten erst im Oktober, vier Monate vor dem Wahltermin, nominieren wollen?
Das ist symptomatisch. Wenn es ihnen dann aber gelingt, ein überzeugendes Viererticket zu präsentieren, einen guten Wahlkampf zu führen und ihre Querelen nicht in der Öffentlichkeit auszutragen, muss das nicht schädlich sein.

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