Wenn der Name Huntsman fällt, denkt man in Basel nicht als Erstes an Forschungslabors, sondern an Massenentlassungen. Der US-Spezialitätenchemiekonzern, der den Europa-Sitz im Klybeckareal hat, hat in den vergangenen vier Jahren in seinen Divisionen Textile Effects und Advanced Materials rund 1000 Stellen gestrichen. Letztere hat in Basel gar ihren globalen Hauptsitz und enthält unter anderem das einstige Araldit-Geschäft (Klebstoffe) von Ciba Geigy.

Nach dem Kahlschlag sind in Basel noch knapp 380 Personen bei Huntsman angestellt. Seit 2013 wurde – zumindest im Klybeck – kein weiterer Stellenabbau bekannt gegeben. Huntsman-Sprecher Wynne Morris sagt dazu: «Heute sind wir insbesondere mit dem Geschäftsgang von Advanced Materials sehr zufrieden.»

Nun sorgt eine Firmengründung für neue Unsicherheit im Umfeld des Unternehmens. Am 23. Dezember 2015 wurde die Advanced Materials Licensing GmbH als Tochter der Huntsman Advanced Materials (Switzerland) GmbH ins Handelsregister eingetragen. Unter «besondere Tatbestände» wird aufgeführt, dass die Gesellschaft beabsichtigt, sämtliche werthaltigen Immaterialgüterrechte des Advanced-Materials-Geschäfts von Huntsman Switzerland in Basel zu einem Preis von 470 Millionen US-Dollar zu übernehmen. Eine Firma ohne Mitarbeiter, dafür mit virtuellen Wert; es handelt sich beim Betrag um den Preis der Innovationen, des Know-hows oder auch der Technologie. Morris nennt es «intellektuelles Kapital»: «Es sind unsere sogenannten Soft-Assets, die wir von der Hardware, also etwa Gebäuden und dem operationalen Geschäft, trennen.» Warum sich Huntsman gerade jetzt dazu entschlossen hat, kann Morris nicht plausibel begründen. Es ginge darum, die Rechtsstruktur des Unternehmens zu verbessern, sagt er vage.

Der Schritt von Huntsman bliebe wohl unbeachtet, wäre da nicht die Vergangenheit. Entsprechend alarmiert reagiert die Gewerkschaft Angestellte Schweiz. Deren Sprecher Hansjörg Schmid sagt: «Wir werden die Vorgänge bei Huntsman beobachten und das Gespräch suchen.» Mit der Arbeitnehmerseite habe man bereits Kontakt. Bedenken würden insbesondere für die 140 bei Textile Effects verbliebenen Mitarbeiter bestehen, so Schmid weiter. Vor vier Jahren wurde die Textilfarbenproduktion von Basel nach Singapur ausgelagert. Übrig blieb die Forschungsabteilung. «Es wäre möglich, dass Huntsman sie in die Ländergesellschaft in Asien integrieren will und deshalb eine klarere Trennung zwischen den Errungenschaften von Textile Effects und Advanced Materials anstrebt», sagt Schmid.

Morris verneint dies. «Es bestehen keine solchen Pläne. Und es ist auch kein Stellenabbau geplant.» Sonst hätte man in den vergangenen Jahren nicht in die Erneuerung des Firmengebäudes investiert.

Die Stimmung im Unternehmen ist trotz dieser Beteuerung schlecht. «Huntsman macht sich mit diesem Schritt fit für etwas. Wir wissen nur nicht, wofür,» sagt ein Insider.

Eine weitere Möglichkeit wäre, dass die Neugründung aus steuerlichen Gründen vollzogen wurde. Zwei von der «Schweiz am Sonntag» befragte Experten bezeichnen es als «fragwürdig», dass die Gründung kurz vor Jahresende – in letzter Minute quasi – vollzogen wurde. Unter anderem auch im Hinblick auf die Unternehmenssteuerreform III könnte sich die Auslagerung der Immaterialgüterrechte als Vorteil für Huntsman erweisen. Die neu gegründete Firma könnte dereinst ins Ausland verlagert und die Steuerbelastung dadurch minimiert werden, sagen sie. Zudem: Würden die Immaterialgüterrechte in der Hauptfirma, der Huntsman Advanced Materials, verbleiben, müsste ihr Wert irgendwann berichtigt werden. Und das würde sich negativ auf die Bilanz der Hauptfirma auswirken.

Die Angestellten von Huntsman haben Gründe, den offiziellen Aussagen ihres Arbeitgebers zu misstrauen. Ein Beispiel: Im März 2011 beteuerte eine Huntsman-Sprecherin in den Medien, dass man die Produktion des Textilfarbenbereichs nicht aus Basel abziehen wolle. Ein halbes Jahr später geschah genau dies.

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