Miguel Engewald nimmt einen kräftigen Schluck Biotee. Noch sei es zu früh für Wein, sagt der Geschäftsführer der «8bar». Es ist 17 Uhr an diesem Freitag. In der Rheingasse riecht es nach Regen. Engewald spannt auf dem Boulevard den Sonnenschirm auf. Und während er dies tut, tröpfeln sie nach und nach rein, finden ihren Platz vor dem «Grenzwert», dem «Consum», dem «Acero», dem «Schmalen Wurf» und der «8bar»: Expats mit gelockerter Krawatte, Hipster-Girls, ein älterer Herr mit geröteter Nase und verklärtem Blick. Eine Dame mit kurz geschorenem Haar stellt sich an den Bartisch vor der «8bar» und nippt am gespritzten Weissen. «Ich wohne in einer Quartierstrasse, da ist Totenstille. Hier ist Leben, wie in einem kleinen Dorf.»

Die Rheingasse hat eine beispiellose Metamorphose hinter sich. Wie kaum eine andere Strasse in Basel hat sie sich in Rekordzeit vom Schandfleck, wo sich vor wenigen Jahren noch Junkies eins auf die Nase gaben, zur Ausgangsmeile für junges und älteres Publikum entwickelt, zum Treffpunkt von Menschen aller Schichten. Eine Mittdreissigerin sagt zwischen zwei Schlucken Bier: «Wer nicht in einen Club will, landet früher oder später hier.» Sie schätze es, dass in der «8bar» wieder Konzerte stattfinden. «Das hat in der Stadt gefehlt.» Ihre Kollegin ergänzt: «Hier habe ich immer eine gute Zeit. Die Leute sind alle entspannt, es gibt nie Stress.»

Im Januar 2015 wurde die Rheingasse für den motorisierten Verkehr geschlossen. Die «Basler Zeitung» höhnte, dass «einer der letzten Lebensadern der Stadt der Fall in die existenzielle Bedeutungslosigkeit» drohe. Es kam anders. Die Gastronomen um Flossbetreiber Tino Krattiger gründeten die IG Rheingasse und funktionierten die Strasse in einen Boulevard um. Im vergangenen Sommer war im vorderen Teil kaum ein Durchkommen, die Euphorie gross. So titelte die «bz basel»: «Die Rheingasse – so populär wie noch nie».

Fischerstube scheitert mit Plänen
Nun kehrt aber Ernüchterung unter den Beizern ein. Im vergangenen Jahr plante Engewald für die «Fischerstube» im hinteren Teil der Strasse eine Wohnwagen-Bar auf dem leerstehenden Platz neben dem Restaurant. «Fischerstube»-Wirt Karim Frick reichte im April 2015 ein entsprechendes Gesuch ein, Ende August sollte es losgehen. Dieses Projekt hat er inzwischen beerdigen müssen: «Es ist wegen Einsprachen von zwei Anwohnern gescheitert,» sagt Frick. Er muss laut gegen das Stimmengewirr in der «Fischerstube» anreden. Es ist 21 Uhr, das Restaurant voll besetzt. Frick tritt nach draussen. Kein Mucks ist zu hören. Er blickt die Rheingasse entlang, dorthin, wo im Dreieck von «8bar», «Grenzwert» und «Consum» der Boulevard brummt und sich die Leute auf der Strasse zuprosten. Frick sagt, es fehle die Verbindung zwischen dem vorderen und hinteren Teil: «Wie schon im vergangenen Jahr erstreckt sich der Boulevard nicht bis zu uns. Es wäre wichtig, dass die ‹Fischerstube› den Platz draussen bespielen kann, um potenzielle Gäste hierher zu bringen. Doch jedes neue Projekt, das wir uns ausdenken, wird durch Einsprachen blockiert.»

Nachdem der Wohnwagen-Plan gescheitert war, reichte Frick im September 2015 bei der Allmendverwaltung einen Antrag ein, auf dem Platz wenigstens ein paar Stühle und Tische aufzustellen. Die Bewilligung kam Anfang Mai, allerdings mit dem Vermerk, dass die Anwohner eine zehntätige Einsprachefrist hätten. «Du kannst dir ja denken, was passiert ist», sagt Frick. «Wegen zwei Einsprachen ist das Projekt für diesen Sommer gelaufen.»

Ein weiteres Ärgernis für die Beizer: Auch in diesem Sommer ist werktags im Freien um 22 Uhr und am Freitag und Samstag um 23 Uhr Schluss mit lustig. Ab dann dürfen sie nicht mehr auf dem Boulevard wirten. Alle Betreiber würden sich daran halten, sagt Engewald, «aber gerne tun wir das nicht».

Wessels zwischen den Fronten
Grund für das frühe Zusammenräumen ist, dass die Rheingasse zur Lärmschutz-Zone 3 gehört, was als Wohnzone gilt. Im Frühling 2015 reichte Kerstin Wenk (SP) eine Motion ein, in der sie eine Verlängerung der Boulevardöffnungszeiten werktags bis 24 Uhr und an den Wochenenden bis 1 Uhr «innerhalb eines Jahres» forderte. Bau- und Verkehrsdirektor Hans-Peter Wessels stellte sich hinter dieses Anliegen. Daraufhin forderten ihn prompt 46 Anwohner in einem Brief auf, vom Vorstoss Abstand zu nehmen. Er tat es nicht, im Gegenteil: Auch heute sagt er, dass er eine Liberalisierung der Öffnungszeiten begrüssen würde.

Dass dem Wunsch der Beizer in diesem Sommer entsprochen wird, daraus wird aber definitiv nichts. Laut Wessels muss der Regierungsrat bis im Herbst 2017 dem Grossen Rat Bericht erstatten. Wessels rechnet aber bereits bis Ende dieses Jahres mit ersten Ergebnissen. «Ich hoffe auf eine Liberalisierung ab 2017.» Im Herbst plane sein Departement einen «Dialoganlass» für die Gastronomen und Anwohner, der sich dem Thema Öffnungszeiten widmen solle.

Franz-Xaver Leonhardt vom Hotel Krafft und der Weinbar «Consum» betont, dass auch ein Kompromiss möglich sei: «Von Anfang an plädierte ich für 23 Uhr unter der Woche und 24 Uhr an Freitag und Samstag.» Ohnehin stünde nicht nur das Nachtleben im Fokus: «Ich wünsche mir eine bessere Durchmischung, etwas mit Läden und Kunsthandwerk», sagt Leonhardt. Er arbeite derzeit an einem «Kultur-Konzept». Das muss in Wessels Ohren wie Musik klingen: Dem Regierungsrat schwebt für die Rheingasse eine Mischung aus Gastronomie, Gewerbe und Kultur vor. «Das Wichtigste dabei ist aber, dass die Wirte und die kritischen Anwohner den Dialog miteinander pflegen», sagt Wessels.

Es ist Mitternacht. Vor der «8bar» sind die Tische hochgeklappt, die Stühle übereinandergestapelt. Sie sollen nicht so laut palavern, sagt der Türsteher den Rauchern draussen. Miguel Engewald sitzt drinnen an der Bar, schenkt sich ein Glas Rosé ein und sagt: «Wir nehmen die Sorgen der Anwohner ernst. Deshalb organisiert die IG Rheingasse regelmässig Runde Tische. Da verläuft alles sehr konstruktiv.» Er macht eine wegwerfende Handbewegung und grinst. «Lassen wir das Thema jetzt aber. Es kommt schon gut.» Manchmal ist der Weg zum Glück halt ein holpriger.

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