Die Kantonalpartei der Baselbieter Grünen hat die Husarenritte ihres Mitglieds Jürg Wiedemann, grüner Landrat und Birsfelder Gemeinderat, bisher durchgehen lassen. Es gebe, sagte man sich, halt in jeder Partei Einzelmasken, die nicht auf der Parteilinie politisierten.

Nun hat Wiedemann den Bogen offenbar überspannt. Auslöser ist ein «Positionspapier», das der umtriebige Politiker im Namen der Bildungsgruppe der Baselbieter Grünen ohne das Wissen der Parteileitung auf der Website der «Starken Schule Baselland» platziert hat. Dort war zu lesen, dass die Bildungsgruppe den «praxisfernen, missionarischen und kompetenzlastigen» Lehrplan 21 strikt ablehne und sich gegen den «realitätsfernen, übereilten Umsetzungswahn» in der Bildungspolitik stellt. Wiedemann, im persönlichen Umgang freundlich und sanft, liebt drastische Worte, wenn es um die Verteidigung traditioneller Schulstrukturen und den Kampf gegen Schulreformen aller Art geht.

Wiedemann, selber Sekundarlehrer in Allschwil und Strippenzieher des Komitees «Starke Schule Baselland», ist in der Baselbieter Bildungspolitik die personifizierte Antithese zum Baselbieter Erziehungsdirektor Urs Wüthrich. In den letzten drei Jahren hat er die Bildungsdirektion mit Initiativen und Vorstössen aller Art eingedeckt und auf Trab gehalten: gegen Harmos, gegen den Lehrplan 21, gegen den SP-Bildungsdirektor persönlich.

Die Bildungsgruppe hat zwar auf Einladung von Wiedemann tatsächlich getagt und so entschieden. Aber mit nur gerade sechs Teilnehmern in Minimalbesetzung und auf Einladung von Wiedemann an einem Termin, an dem die restlichen Mitglieder nicht teilnehmen konnten. Parteipräsidentin Florence Brenzikofer stellt klar: «Positionspapiere werden von unserem Vorstand und nicht von den Arbeitsgruppen verabschiedet.» Der überarbeitete Lehrplan 21 werde zudem erst Ende September in seiner überarbeiteten Form veröffentlicht, «dann werden wir Diskussionen führen und über die Stellungnahme entscheiden.» Deutlicher wird die grüne Nationalrätin Maya Graf: «Herr Wiedemann hat eigenmächtig entschieden und instrumentalisiert einmal mehr die Grünen für seinen eigenen Kampf.» Verärgert ist auch die grüne Bildungsrätin Beatrice Büschlen: «Unseriös», sagt sie.

Am vergangenen Freitag hat die Geschäftsleitung der Grünen Wiedemann zu einer Aussprache zitiert und verlangt, dass das «Positionspapier» sofort von der Website des Komitees entfernt werden müsse. Was auch geschehen ist. Wiedemann nimmt es auf Anfrage gelassen und lobt das «konstruktive Gespräch» mit der Parteispitze. Er fügt an, dass sein Papier Zündstoff biete, «weil eine deutliche Mehrheit der Grünen, die im pädagogischen Bereich beruflich tätig sind, den Lehrplan 21 und Harmos ablehnen.»

Dass Wiedemann bisher innerhalb der Partei tun und lassen konnte, was er wollte, hat auch mit dem Fehlen einer Bildungsstrategie der Baselbieter Grünen zu tun. Dieser Prozess sei jetzt angeschoben worden, sagt Parteipräsidentin Brenzikofer.

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