Tomaten aus Schweizerhalle. Diese Herkunftsbezeichnung für frisches Gemüse ist gewöhnungsbedürftig. Wäre das nicht wie Grüntee aus Fukushima oder Curry aus Bhopal? Diese Bedenken hat der Muttenzer Gemeinderat nicht. Er sieht auf den ungenutzten grauen Flachdächern des Industriegebiets ein Potenzial. Seine Vision: Auf den Gebäuden sollen die Pharmakonzerne Gewächshäuser und Solaranlagen installieren und Wiesen ansäen.

Das Mittel dazu ist der Teilzonenplan Schweizerhalle, der diese Woche in Vernehmlassung ging. Die Gemeinde schreibt darin vor, dass Flachdächer begrünt werden müssen. Diese Vorschrift ist neu, aber nicht aussergewöhnlich. Einzigartig sind die Ausnahmen: Installiert eine Firma auf ihrem Flachdach eine Solaranlage oder «Anlagen für die industrielle landwirtschaftliche Produktion», muss sie das Dach nicht begrünen. Als Dank für derartige Urban-Farming-Projekte hebt die Gemeinde sogar die Höhenbeschränkungen auf. Sie nennt als Beispiele Treibhäuser und Fischzuchtfarmen, die hoch über dem Industriegebiet errichtet werden könnten.

Thomi Jourdan (EVP), der für den Teilzonenplan verantwortliche Gemeinderat, sagt, er sei sich bewusst, dass ein paar Gewächshäuser im Industriegebiet «nicht weltbewegend» wären. Trotzdem sei Urban Farming «fördernswert und symbolträchtig».

Muttenz liess sich von einem Projekt in der Nachbargemeinde Münchenstein inspirieren. Auf einer 250 Quadratmeter grossen Dachfläche im Dreispitz produziert die Zürcher Urban Farmers AG Buntbarsche und Gemüse in einem Kreislaufsystem. Firmenchef Roman Gaus reagiert euphorisch, als er von der Muttenzer Idee hört: «Ich bin begeistert. Ich kenne gleiche Bestimmungen nur noch in New York City.» Daraus schliesst er: «Ich sehe die Achse New-York-City-Muttenz schon als globale Leadercitys für urbane Agrikultur.» Er räumt aber ein, dass dies noch etwas Zeit benötige.

Jene, welche die Utopie umsetzen sollen, reagieren weniger begeistert. Novartis will sich zum laufenden Mitwirkungsverfahren nicht äussern. Clariant entschuldigt sich, dass die zuständige Person nicht erreichbar sei. Einzig BASF bezieht Stellung: Überlegungen in Richtung Urban Farming seien derzeit nicht geplant. Der vorgeschlagene Ansatz der Gemeinde Muttenz zur Gestaltung von Flachdächern sei aber «sicherlich sinnvoll», sagt BASF-Sprecher Franz Kuntz.

Im Lufthygieneamt beider Basel wundert man sich über die Pläne der Gemeinde Muttenz. Es ist nicht die Vergangenheit des Brandplatzes der grössten Chemiekatastrophe der Schweiz, der die Zweifel nährt. Deren Folgen sind längst behoben. Das heutige Problem: Schweizerhalle liegt an einem der meistbefahrenen Autobahnabschnitte der Schweiz. Die Resultate der Luftmessstation, die sich neben Schweizerhalle an der A2 im Hardwald befindet, lassen bei Markus Camenzind, Leiter Luftqualität, keine Lust auf frisches Gemüse aufkommen. «Ich persönlich würde direkt neben dieser Messstation kein Gewächshaus aufstellen», sagt er.

Der Jahresgrenzwert von Stickstoffdioxid, der bei 30 Mikrogramm pro Kubikmeter liegt, wird weit überschritten. Im vergangenen Jahr mass das Lufthygieneamt einen Mittelwert von 49 Mikrogramm. Das ist der zweithöchste Wert nördlich des Juras – nicht die besten Voraussetzungen für Tomaten.

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