Ab und zu quäkt ein Säugling, ein Vogel zwitschert ein paar Töne, eine Frau lacht kurz laut auf. Ansonsten: andächtige Ruhe in der Frauenbadi Eglisee in Basel. Ältere Damen mit ledriger Haut haben ihre Liegestühle im Schatten aufgeklappt, die jüngeren bräunen sich in der prallen Sonne. Im Bassin ziehen Schwimmerinnen ihre Bahnen, andere kühlen sich nur kurz ab. Manche sind barbusig, andere tragen Bikinis, kaum eine einen eng anliegenden Burkini. Das Thermometer kratzt an der 30-Grad-Marke.

Bea Kurz sitzt auf einer Bank in unmittelbarer Nähe des Beckens und beobachtet die Szenerie. Die Pensionärin ist seit sechs Jahren als freiwillige Mediatorin im Fraueli tätig. Gekeife und wüste Beschimpfungen sind ihr nur zu gut bekannt: «Früher kam ich fast jeden Tag an meine Grenzen. Seit dieser Saison läuft alles viel harmonischer ab.» Das Fraueli ist einzigartig in der Region; in der Nähe findet sich kein vergleichbares Angebot. Das sprach sich herum: Frauen, die aus religiösen Gründen Freibäder nicht mit Männern aufsuchen dürfen, steuerten das Fraueli von weit her an.

Morddrohung gegen Barbusige
Immer wieder gingen Besucherinnen davon aus, dass es sich beim Fraueli um ein muslimisches Bad handelt. Viele reagierten entsetzt, als sie im Bad fast nackte Frauen sahen. Mediatorin Kurz erinnert sich, dass eine Muslima Morddrohungen gegen eine Barbusige ausstiess, dass einige Besucherinnen in Strassenkleidern im Becken badeten und Cars aus dem Elsass ganze Gruppen verhüllter Frauen anspülten. «Die Mehrheit machte ja keine Probleme. Aber die unangenehmen Zwischenfälle häuften sich, und viele Gäste fühlten sich nicht mehr wohl», sagt Kurz. Auch Schweizerinnen hätten mehrfach Konflikte entfacht. «Sie übten sich als Hobby-Polizistinnen, liessen spitze oder gar rassistische Sprüche fallen.»

Das Fraueli wurde Opfer des eigenen Erfolgs: «An manchen Tagen war es derart überfüllt, dass man vor lauter Menschen das Wasser nicht mehr sah», sagt Kurz. Bis zu 4000 Frauen und Kinder zählte die Betriebsleitung pro Tag, riesige Picknicks wurden veranstaltet. «Das war wie in einem Park», erinnert sich Kurz. An den wenigen Sommertagen dieser Saison zog das Bad bis anhin mit bis zu 700 Gästen pro Tag deutlich weniger Besucherinnen an.

Der Grund für den Rückgang liegt auf der Hand: Seit dieser Saison gelten neue, strengere Regeln im Fraueli. So ist das Baden nur «oben ohne» oder in Badekleidung erlaubt. Wer einen Bikini, einen Bade- oder einen Ganzkörper-Schwimmanzug trägt, darf sich auf den Wiesen sonnen und ins Wasser hüpfen. Strassenkleider sind verboten. Neu müssen die Frauen mindestens 16 Jahre alt sein, Kinder erhalten keinen Zutritt mehr, wenn sie das Krabbelalter überschritten haben.

Kurz kneift die Augen zusammen, blickt auf die Wiese gegenüber. Dort breitet grade eine Frau das Badetuch aus, ihr etwa zweijähriger Sohn trägt bereits seine Schwimmflügeli. Gemächlich steuert Kurz die beiden an, sagt, dass sie ins gemischte Bad wechseln müssten, da der Junge zu alt sei. Und schon sieht sie den nächsten Verstoss, geht auf zwei Musliminnen zu. Eine sitzt im Biniki auf dem Rasen, ihre Begleiterin löste bloss das Kopftuch. Die Mediatorin zeigt auf die Strassenkleider, schüttelt den Kopf, erklärt. Ihre Schwägerin hätte die Badesachen nicht dabei, die neuen Regeln hätten sie nicht gekannt, wehrt sich die Frau im Bikini. Als Kurz zehn Minuten später nochmals auf die Bedingungen verweist, packen die beiden ihre Sachen und gehen. «Zu sagen, man kenne die Regeln nicht, ist eine Masche», sagt die Mediatorin. Jede Besucherin erhalte einen Flyer, überall stünden Schilder. «Die meisten halten sich auch an die Regeln – bis jetzt zumindest. Der Sommer hat ja erst angefangen.»

Die Gäste im Fraueli scheinen zufrieden zu sein. Eine von ihnen ist eine 70-Jährige, die auf dem neuen Sonnendeck liegt. Früher war dort das Kinderbecken. «Es ist jetzt so schön hier. Die Stimmung ist angenehm und harmonisch», sagt sie. Sie sei in der Vergangenheit mehrmals beschimpft worden.

Muslimas im Bikini
Auch bei zwei jungen Muslimas aus Olten kommen die Regeln gut an. Sonst verhüllt, planschen sie mit Bikini im Wasser. Die Barbusigen würden sie zwar befremden, aber: «Damit wir unsere Freiheit haben, machen wir gerne Kompromisse.» Neben ihnen steigt eine 80-Jährige aus dem Wasser. Jeden Tag schwimme sie hier drei Kilometer, sagt sie. Die Konflikte der letzten Jahre kann sie nicht nachvollziehen. Ihr persönlich seien keine Probleme widerfahren. Von den Regeln halte sie daher auch nicht viel. «Ich vermisse vor allem die Kinder.» Mit dieser Einstellung ist sie nicht alleine. Eine Muslima erklärt, dass sie in den Vorjahren mit ihrem heute sechsjährigen Enkel das Fraueli besuchte. Nun ist das gemeinsame Schwimmen nicht mehr möglich. Die anderen Regeln begrüsse sie aber: «Mich ekelte es, wenn einige Frauen in ihren Strassenkleidern ins Wasser stiegen.»

Bea Kurz sitzt wieder auf einer Bank im Schatten. Sie hofft, dass sie bald als Mediatorin überflüssig ist und als «normale» Besucherin das Fraueli geniessen kann. In diesem Sommer hat sie aber noch etwas geplant. Mit vier Konzerten soll das Fraueli neue Töne anschlagen. Dafür bricht sogar die Mediatorin mit den Regeln: Auch Männer sind an diesen Abenden willkommen.

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