Für Michael Wüthrich ist es ein gesellschaftliches Problem. «Statt zu seinen Fehlern zu stehen, kommt man heute immer gleich mit dem Anwalt», sagt der Gymnasiallehrer und Basler Grünen-Grossrat. Auch die Schulen hätten heute mehr mit Anwälten und Rekursen zu tun als früher. Nachdem der Baselbieter Lehrer und SP-Landrat Martin Rüegg diese Woche am Kantonsgericht im Absenzenstreit eine Niederlage gegen die Schulleitung bezogen hat, will Wüthrich seine Berufskollegen künftig aus der Verantwortung nehmen. Er schlägt eine radikale Neuerung des Absenzenwesens vor: Nach dem neunten Schuljahr, also nach der obligatorischen Schulzeit, soll der Besuch des Unterrichts freiwillig sein. Pflicht sollten nur die Prüfungen sein, deren Termine Anfang Semester definiert würden. Wüthrich, der am Gymnasium Leonhard Mathematik und Informatik unterrichtet, hat keine Angst davor, seine Lektionen in leeren Schulzimmern abzuhalten. «Ich bin überzeugt, dass die Schüler trotzdem kommen werden, weil sie nur dadurch gut auf Prüfungen vorbereitet sind.» Sollte der Unterrichtsbesuch überflüssig sein, müsse er sich als Lehrer und seine Art zu vermitteln, hinterfragen.

«Interessant und gefährlich»
Michael Wüthrich folgt mit seinem Vorschlag dem Trend zu liberaleren Präsenzzeiten. Das Basler Gymnasium Leonhard führte vor knapp zwanzig Jahren die Kontingentregelung ein. Acht Halbtage haben die Schüler zugute, an denen sie unentschuldigt fehlen dürfen. Das Modell wurde von anderen Schweizer Mittelschulen übernommen, zuletzt 2015 vom Gymnasium Liestal.

Wie weit die Eigenverantwortung der Schüler gehen soll, darüber gehen die Meinungen auseinander. Hans Georg Signer, der am Gymnasium Leonhard die Kontingentregelung als Rektor einführte, gibt zu bedenken, dass die Schüler auf der Mittelstufe «immer wieder mit persönlichen Krisen zu kämpfen haben». Dass die Absenzen kontrolliert würden, sei auch ein gutes Frühwarnsystem für die Schulleitung. «Ein Gespräch mit dem Rektorat kann durchaus nützlich sein, um zu verhindern, dass ein Kind vom Karren fällt.»

Verhaltenes Lob bekommt Wüthrich für seine Idee von den Lehrervertretern. Jean-Michel Héritier von der Freiwilligen Schulsynode Basel-Stadt hält die Idee des freiwilligen Unterrichts gleichzeitig für «interessant» und «gefährlich». Interessant, weil ein grosser Teil der Schüler mit solchen Freiheiten umgehen könne. Gefährlich, weil sich bei einigen die persönlichen Probleme verschärfen würden. «Die Schulen haben einen Erziehungsauftrag, der mit dem neuen Modell ausgehebelt würde.» Michael Weiss vom Baselbieter Lehrerverein wirft die Frage auf, was mit den nicht promotionsrelevanten Fächern wie Turnen passiert. «Ein Bewegungsmuffel könnte alle Sportstunden schwänzen. Das wäre nicht erstrebenswert.» Weiss, der sich beim Absenzenstreit an Rüeggs Seite stellte, hält eine Präsenzverpflichtung von neunzig Prozent für angemessen. Auch ein solches Modell müsste jedoch zuerst geprobt werden, sagt er.

Eine dezidierte Meinung hat der Basler Bildungsdirektor. Der freiwillige Unterricht sei eine «Schnapsidee», meint Christoph Eymann (LDP). Lehrer böten den Schülern viel im Unterricht und gingen individuell auf die Jugendlichen ein. Die Anwesenheitspflicht abzuschaffen, würde eine «Herabsetzung des Lehrers» bedeuten.

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