Von Miriam Glass

Pünktlich um 15 Uhr wird der Rollladen an der Glasbox hochgefahren. In dem Kubus, der von weitem entfernt an eine hohe Telefonkabine erinnert, zeigt sich jeden Tag ein anderes Bild. Ein Mann wird da sitzen, mit seiner Tochter auf dem Schoss, beide nur spärlich bekleidet. Ein anderes Mal: Ein dunkelhäutiger Akrobat mit Fussfessel, der Kunststücke macht und dazwischen Erdnüsse knackt. Eine kleinwüchsige Frau, die an Drinks nippt. Eine alte Dame, nackt bis auf eine Gesichtsmaske und hochhackige Pumps. Ein betender Muslim mit kugelsicherer Weste.

Diese Szenen sind ab dem 6. Juni zehn Tage lang während jeweils fünf Stunden auf dem Claraplatz zu sehen. Der holländische Künstler Dries Verhoeven (38) zeigt mit seiner Arbeit «Ceci n’est pas...» Bilder, die eigentlich Alltägliches aufnehmen: familiäre Beziehungen, das Alter, eine körperliche Behinderung, einen Menschen mit dunkler Hautfarbe. Doch die mehrdeutige Art, wie Verhoeven dieses Alltägliche in die Öffentlichkeit rückt und ausstellt, verursacht Unbehagen, das lässt sich bereits anhand von Fotos vorhersagen. Ist das Bild von Vater und Tochter eines der Liebe oder eines des Missbrauchs? Was löst es aus, wenn Passanten auf dem Claraplatz einen dunkelhäutigen Mann in einem Glaskasten anstarren?

Verhoeven wirft Fragen auf, nicht zuletzt dadurch, dass er mit seiner Arbeit auf die Völkerschauen verweist, die bis weit ins 20. Jahrhundert hinein in Europa stattfanden, auch in Basel. Der Basler Zoo zeigte 1935 zum letzten Mal «Neger» in der «Völkerschau aus dem Innern Marokkos».

Ob Verhoevens Kunst öffentlichen Widerspruch provozieren wird, ist schwer abzusehen. Im Vorfeld lassen sich bisher keine kritischen Stimmen vernehmen. Die Verwaltung stützt die Installation finanziell: Gemäss André Frauchiger, Sprecher des Tiefbauamtes, hat der Kanton die Gebühren für die Benutzung der Allmend erlassen, da es sich um einen «überregional künstlerisch wertvollen Event» handle.

Den Menschen als Material nutzt im Juni ein zweites Kunstprojekt. Die Kunstmesse Art Basel hat es schon vor Wochen gross angekündigt. Unter dem Titel «14 rooms» zeigen 14 zum Teil weltberühmte Künstler ab dem 14. Juni Arbeiten, bei denen Menschen Teil des Werks sind. Als «Live Art» kündigen die Kunstmesse und ihre Partner die Ausstellung an, die sich an der Grenze von bildender Kunst und Performance bewegt.

Verhoeven treibt unabhängig von der Art Basel die Arbeit mit «Menschenmaterial» auf die Spitze, bringt sie in den öffentlichen Raum und könnte die Diskussion über Live Art vorwegnehmen.

Ausgedacht hat er sich die Installation auf Auftrag des europäischen Theaternetzwerks «Performing Cities», zu dem die Kaserne Basel gehört. Seine Glasbox war bereits in Strassburg, Mülheim an der Ruhr, Poitiers und Utrecht zu Gast, weshalb schon Fotos publik sind – Künstler und Veranstalter würden es vorziehen, wenn im Vorfeld nicht viel verraten würde. Auf den Claraplatz kommt die Glasbox während des thematischen Schwerpunktes «Performacity». Die Kaserne Basel möchte vom 6. bis zum 15. Juni mit künstlerischen Angeboten und einer von externen Partnern kuratierten Tagung den öffentlichen Stadtraum zum Thema machen.

Doch warum mit einer Menschen-Schau und warum auf dem Claraplatz? Tobias Brenk, als Dramaturg der Kaserne Basel verantwortlich für das Gastspiel des Holländers, sagt: «Verhoeven bringt Themen in die Öffentlichkeit, die oft verdrängt werden: Tod, Sexualität, Behinderungen, Religion. Und er regt mit seiner Kunst zu Diskussion und Austausch an.»

Als reine Provokation sei der Auftritt nicht zu verstehen, als Diskussionsanreiz schon, so Brenk. «In anderen Städten hat das sehr gut funktioniert», sagt er, unter den Betrachtern hätten sich viele Gespräche entwickelt, Blogs haben die Aktion begleitet. Auch in Basel wird es einen Blog und eine Ansprechperson vor Ort geben.

Den Claraplatz habe man wegen der Nähe zur Kaserne gewählt, und weil er stark frequentiert und das Publikum dort sehr vielfältig sei.

Die Nähe zur Messe ist spätestens an den letzten beiden Tagen interessant. Dann startet «14 rooms». Zu den Passanten, die an Verhoevens Glasbox vorbeikommen, werden auch Besucher der grösseren «Live-Art»-Ausstellung gehören. Und womöglich treffen nach Feierabend die Performer beider Events aufeinander – wenn sie vom Material wieder zum Menschen geworden sind.

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper