Von Annika Bangerter

Es ist ein trauriger Rekord: Noch nie flüchteten so viele Kinder und Jugendliche ohne ihre Eltern in die Schweiz wie im vergangenen Jahr. 2 736 minderjährige Flüchtlinge suchten hier Schutz. Das sind knapp 2000 mehr als im Vorjahr. Darunter sind um die 100 Kinder, die im Alter von acht bis zwölf Jahren alleine in die Schweiz reisten.

Ihre Betreuung fordert die Kantone und den Bund. Dieser ist zuständig für sie, solange sie in den Empfangs- und Verfahrenszentren (EVZ) untergebracht sind. Das grösste Zentrum liegt in Basel beim Zoll Otterbach. Gleich nebenan steht das sogenannte Otterbachgut. Dieses ehemalige Landgut mietet neu das Staatssekretariat für Migration (SEM), um voraussichtlich unbegleitete Jugendliche unterzubringen. Wie die SEM-Mediensprecherin Léa Wertheimer sagt, seien die Platzverhältnisse im EVZ Basel knapp bemessen. Die Liegenschaft mit grossem Aussenbereich ermögliche eine Entlastung. «Zudem kann den spezifischen Anforderungen an die Unterbringung von unbegleiteten Minderjährigen besser Rechnung getragen werden», sagt Wertheimer.

Das EVZ Basel verfügt über rund 400 Betten. Dazu kommen 980 Plätze in Aussenstellen. Gemäss der SEM-Sprecherin sind im vergangenen Herbst alle Bundesempfangszentren an ihre Belastungsgrenzen gestossen. «Gegenwärtig ist die Lage entspannter», sagt Léa Wertheimer. Wie viele Plätze für die unbegleiteten Flüchtlingskinder im Otterbachgut schliesslich geschaffen würden, sei noch offen. Bereits seit August mietet das Staatssekretariat für Migration das Parterre des ehemaligen Landhauses. Dort hat es in den vergangenen Monaten die Erstaufnahme durchgeführt: Fingerabdrücke und Personendaten wurden registriert, und auch die ärztlichen Untersuchungen fanden im Otterbachgut statt. Zudem befindet sich im Erdgeschoss der Villa ein Büro der Internationalen Organisation für Migration. Diese berät abgewiesene Asylsuchende bei ihrer Rückkehr.

Das klassizistische Haus stammt aus den 1830er-Jahren. Unklar ist, welcher Architekt die Liegenschaft baute: Achilles Huber oder Melchior Berri, der das Naturhistorische Museum konzipierte. Seit 1962 gehört die Liegenschaft dem Kanton. Als dieser zwei Mietern im Mai 2014 kündigte, wurde Kritik laut. Der Kanton argumentierte mit dem dringend benötigten Wohnraum, um Flüchtlingsfamilien unterzubringen.

Hat sich deren Platzproblem nun gelöst? Derzeit sei die Unterbringungssituation «einigermassen entspannt», sagt Asylkoordinatorin Renata Gäumann. «Damit der Bund seine Aufgaben im EVZ auch bei hohen Zugangszahlen wahrnehmen kann, braucht er mehr Platz.» Deshalb seien die rund zwanzig Asylsuchenden des Kantons in eine andere Liegenschaft gezogen. Voraussichtlich in einigen Wochen bewohnen dann Flüchtlingskinder ohne Eltern das Otterbachgut.

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