Der Leichenwagen wird künftig häufiger im Binninger Dorfzentrum vorfahren. An der Hauptstrasse 24 baut die Sterbehilfeorganisation Exit ihr Dienstleistungsangebot aus. Sie will eines von zwei Büros neu als Sterbezimmer nutzen. Derzeit läuft das Bewilligungsverfahren.

Vor einem Jahr eröffnete Exit in Binningen die erste Niederlassung der Nordwestschweiz. Derzeit bietet sie dort nur Beratungen an. Der Andrang ist gross. Exit-Vizepräsident Bernhard Sutter sagt: «Unsere Erwartungen wurden übertroffen. Sämtliche Beratungstermine waren stets voll ausgebucht.» Nach dem ersten halben Jahr erweiterte Exit deshalb die Beratungszeiten um fünfzig Prozent. Im Jahr 2013 sind gemäss Angaben der Organisation 32 Patienten im Grossraum Basel selbstbestimmt mit Exit gestorben. Die Zahlen für dieses Jahr liegen noch nicht vor. Sie dürften gestiegen sein, da das Binninger Büro erst im Oktober 2013 gestartet ist.

Alle Wünsche konnte Exit in der Region Basel jedoch nicht erfüllen. Einige Patienten verfügen über keinen Raum, in dem sie das Sterbemittel Natrium-Pentobarbital einnehmen dürfen. Sie werden daher mit dem Krankenwagen nach Zürich ins bisher einzige Exit-Sterbezimmer gefahren. «Für solche Patienten wäre es menschenwürdiger, in Basel sterben zu können», sagt Sutter. Deshalb plant Exit nun das zweite Sterbezimmer.

Der 19,5 Quadratmeter kleine Raum ist vor allem für Bewohner von Altersheimen mit religiöser Trägerschaft bestimmt, in denen Gott über den Todeszeitpunkt entscheiden soll. Eines dieser Häuser ist das Basler Alters- und Pflegeheim Holbeinhof, das einen jüdischen und einen nicht-jüdischen Teil hat. Geschäftsführerin Heike Bittel erklärt: «Sterbehilfe ist bei uns im gesamten Haus ein absolutes Tabu.» Es bestehe zudem kein Bedürfnis: «Ich arbeite seit anderthalb Jahren hier und wurde nie auf das Thema angesprochen.» Sollte künftig ein Bewohner allerdings doch den Wunsch äussern, die letzte Reise nach Binningen anzutreten, die vom Holbeinhof 1200 Meter beträgt, würde Bittel keine Steine in den Weg legen. Sie versichert: «Dem Wunsch unserer Bewohnerinnen und Bewohner kommen wir immer entgegen.»

Im Thürner Jakobushaus ist Sterbehilfe per Reglement verboten. Heimleiter Roland Dalhäuser begründet: «Wir wollen die Leute beim Älterwerden auf natürliche Weise begleiten.» Er habe zwar von einzelnen Bewohnern gewusst, dass sie Mitglied einer Sterbehilfeorganisation seien. «Teilweise sind sie aber so dement, dass sie diesen Entscheid gar nicht mehr treffen konnten», sagt er. Sollten sie im neuen Sterbezimmer von Exit dazu in der Lage sein, würde ihn das nicht stören: «Das muss jeder selber entscheiden.»

Mehr Möglichkeiten haben die Bewohner der fünf Alterszentren des Basler Bürgerspitals. Sie werden beim Eintritt darauf aufmerksam gemacht, dass sie eine Patientenverfügung abgeben können. Die Heime helfen dann, den letzten Willen zu erfüllen. Will ein Bewohner sterben, wird ein runder Tisch einberufen. Michel Schmassmann, Leiter der Bürgerspital-Alterszentren Zum Lamm und Falkenstein, sagt, dass er dies in seiner Laufbahn erst einmal erlebt habe. Der Fall habe sich vor wenigen Monaten ereignet. Doch die Gesprächsrunden mit dem Bewohner, dessen Angehörigen, dem Hausarzt, dem Pflegepersonal und der Heimleitung, die zwei bis drei Monate dauern können, wurden nicht zu Ende geführt. «In dieser Zeit ist der Bewohner eines natürlichen Todes gestorben», sagt Schmassmann.

Mit einem vollzogenen Suizid war Schmassmann hingegen in einem Baselbieter Heim konfrontiert, in dem er früher arbeitete: «Ein Bewohner meldete sich in die Ferien ab und kehrte nie mehr zurück.» Die Angehörigen hätten danach mitgeteilt, dass der Mann mit Hilfe von Exit gestorben sei.

Mit vielen Suiziden im Binninger Sterbezimmer rechnet man bei Exit nicht. In Zürich werden von jährlich 459 Freitodbegleitungen 31 im Sterbezimmer durchgeführt. Ähnliche Relationen erwartet Exit in Binningen. Doch selbst ein Leichenwagen alle zwei Monate ist für einige Binninger zu viel. Bereits die Beratungen sorgen für Kritik. Gemeindesprecher Bernard Keller bestätigt: «Es ist dem Gemeinderat bekannt, dass es in der Bevölkerung Widerstände gegen das Exit-Büro an der Hauptstrasse gibt.»

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