Gert de Winter, der neue Konzern-Chef der Baloise, hatte an der Bilanzmedienkonferenz diese Woche seinen ersten öffentlichen Auftritt. Ursprünglich war vorgesehen, dass ein anderer diesen Posten übernimmt: Olav Noack, Schweiz-Chef der Baloise von 2009 bis 2012. Die Versicherung hatte ihm in Aussicht gestellt, er könnte später zum Konzern-Chef aufsteigen. Doch diese Perspektive genügte ihm nicht. Er wollte Geld sehen.

Noack verlangte, dass er neben seinem Grundgehalt von 620 000 Franken einmalig 1,5 Millionen erhält. Damit soll die Baloise Boni kompensieren, die er durch seine Kündigung bei seiner früheren Arbeitgeberin verloren hatte, der Bank Barclays in London. Der heute 48-Jährige machte den Headhuntern Eindruck mit einer steilen Karriere von PWC über McKinsey zur UBS. Für Topmanager wie ihn sind Antrittsprämien immer noch üblich, auch nach dem Ja zur Abzocker-Initiative. Mit dieser hätten Boni, für die keine Leistung erbracht wurde, abgeschafft werden sollen. Doch dazu kam es in der Schweiz bisher nicht.

Die Baloise liess sich auf den Deal ein. Umstritten ist ein Teil der 1,5 Millionen: ein sogenannter Long Term Incentive von 600 000 Franken. Mit dieser Prämie wäre Noack von Barclays für seine Treue zum Konzern belohnt worden. Die Baloise kompensierte den durch die Untreue entstandenen Verlust. Damit wird das Entschädigungssystem zwar ad absurdum geführt. Doch auch diese Praxis ist in der Branche üblich.

Üblich ist allerdings ebenfalls, dass die Bedingungen schriftlich festgehalten werden. Die Zeiten, in denen die Manager den Bonus per Handschlag an der Bar vereinbarten, sind vorbei. Die Baloise jedoch hielt vertraglich einzig fest, dass sie die 600 000 Franken als Einkauf in die Pensionskasse übernimmt. Sie definierte nicht, unter welchen Voraussetzungen der CEO das Geld behalten darf. Die Versicherung ging ein Risiko ein. Nun ist sie in einen Rechtsstreit verwickelt.

Zum Bruch zwischen der Baloise und ihrem Schweiz-Chef kam es am 21. März 2011. Noack wurde per sofort entlassen. In Führungsfragen hätten «unterschiedliche Auffassungen» bestanden. Am Folgetag präsentierte die Baloise den Nachfolger, der sich im Konzern hochgedient hatte. Mitarbeiter hätten die Korken knallen lassen, hiess es. Erst zu diesem Zeitpunkt kritisierten Aktionäre die Geldverschwendung für den Antrittsbonus des geschassten Managers.

Was die Aktionäre nicht wissen: Die Baloise kürzte Noack beim Abgang den Antrittsbonus um 420 000 Franken. Die Versicherung argumentierte, ein langfristiges Arbeitsverhältnis dauere zehn Jahre. Da Noack nur drei Jahre für die Baloise arbeitete, zahlte sie ihm nur drei Zehntel des Long Term Incentives aus. Die 420 000 Franken entsprechen sieben Zehnteln. Dieses Geld bleibt nun wahrscheinlich in der Pensionskasse – zum Profit der anderen Baloise-Manager.

Der ehemalige CEO ging gegen die Baloise vor Gericht und verlangte den vollen Betrag plus fünf Prozent Zins seit 2009. Vor den ersten Instanzen verlor er noch mehr Geld. Das Basler Zivil- und das Appellationsgericht legten nicht nur happige Verfahrenskosten fest, sondern auch hohe Parteientschädigungen zugunsten der Baloise. Insgesamt muss Noack bisher 90 000 Franken zahlen. Doch diese Kosten schrecken ihn nicht ab. Über seinen Anwalt lässt er ausrichten, er halte das Urteil für «rechtlich fehlerhaft». Derzeit ist der Fall vor dem Bundesgericht hängig.

Vor den Basler Richtern argumentierte Noack, dass der Betrag aus seinem Vermögen stamme und deshalb von der Baloise nicht gekürzt werden dürfe. Bei der getroffenen Vereinbarung sei es um die «Vermeidung unnötiger Banktransfers» gegangen und nicht um einen möglichen Abzug bei einer Kündigung. Diesem hätte er nie zugestimmt, da es nicht üblich sei, zehn Jahre lang CEO eines börsenkotierten Unternehmens zu bleiben. Bei Barclays hätte er den Bonus nach drei Jahren erhalten, weshalb ihm das Geld auch nach den drei Baloise-Jahren zustehe. Noack sieht sich als Opfer einer «absichtlichen Täuschung».

Die Basler Richter mussten sich auf die Zeugenaussagen des früheren Leiters Corporate Human Resources stützen, da die Baloise nur einen rudimentären Vertrag abgeschlossen hatte. Der Zeuge gab an, dass die Arbeitgeberin den Bonus eigentlich mit Anteilscheinen abgelten wollte, mit sogenannten Performance Share Units. Das war nicht möglich, da diese nur jeweils Anfang Jahr vom Verwaltungsrat herausgegeben werden. Mit dem Einkauf in die Pensionskasse habe die Baloise die Langfristigkeit betonen wollen. An die Details konnte sich der Personalchef allerdings nicht erinnern. Dennoch wiesen die Basler Gerichte Noacks Berufung in allen Punkten ab. Seine Aussagen seien «wenig glaubwürdig».

Seinen Kindheitstraum, Konzern-CEO zu werden, hat Noack nicht erreicht. Heute ist er als Professor an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg in Lörrach vom Staat angestellt. Öffentlich tritt er an Lunch-and-Learn-Veranstaltungen auf. Sein Thema: «Investieren – (nicht nur) für Dummies».

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