Von Miriam Glass

Nichts weist von aussen auf die Parallelwelt hin, die sich hinter der Häuserzeile an der Steinentorstrasse mitten in Basel verbirgt. Zwar fällt das herrschaftliche Haus der Kosmetik- und Gesundheitsartikelherstellerin Doetsch Grether AG mit dem prominenten Schriftzug auf. Doch dass im Hinterhaus einer angrenzenden Parzelle Werke von Künstlern wie Cézanne, Picasso oder Klee hängen, wissen wenige. Wobei «Hinterhaus» der falsche Ausdruck sein dürfte für Esther Grethers Anwesen. Eher ist es ein privates Museum mit rund 600 Werken, deren Wert die Zeitschrift «Bilanz» mit «gut und gerne 700 Millionen Franken» beziffert.

Nur ausgewählte Gäste empfängt die Dame des Hauses hier. Doch in einem Katalog macht sie ihre Sammlung jetzt publik. Abgebildet sind nicht nur die einzelnen Werke, sondern die Fotos zeigen auch etwas vom räumlichen Kontext, in dem die Gemälde und Skulpturen angeordnet sind.

Warum diese Publikation, von Grether selbst herausgegeben? Sie sei «jetzt nicht in der Stimmung für ein Interview», antwortet Grether am Telefon freundlich, aber bestimmt. Im Buch selbst sind auf den ersten Blick nicht viele Auskünfte über die Sammlerin zu finden. Offensichtlich soll die Kunst im Vordergrund stehen. Grether zeigt sich nur auf einem Foto auf einer der hintersten Seiten und mit wenigen Zitaten.

Aus diesen Sätzen sprechen zugleich Selbstbewusstsein und Understatement. «Ich habe keine Gesetze. Für mich ist alles offen», sagt Grether über das Sammeln, und: «Ich entscheide natürlich immer mit dem Bauch.»

Ihrem Bauchgefühl zu folgen, wenn es um Kunstkäufe geht, ist für Grether dank ihres Vermögens möglich, laut dem Wirtschaftsmagazin «Forbes» beträgt es rund 2,5 Milliarden Dollar. Die Inhaberin der Firma Doetsch Grether kam als Sekretärin in das Unternehmen, das heute zum Beispiel die Pflegelinie Fenjal produziert. Nach drei Jahren heirateten die damalige Esther Kast und ihr Chef, Firmenpatron Hans Grether. Dieser starb 1975, worauf die damals 39-jährige Esther Grether die Leitung der Firma übernahm. Sie führt sie noch heute als Verwaltungsratspräsidentin und sitzt im Verwaltungsrat der Swatch Group.

Das Interesse an Kunst kultiviert Grether seit Jahrzehnten. Gemäss einem Artikel der «Bilanz» durften sich ihre beiden Kinder jeweils an der Kunstmesse Art Basel etwas Schönes aussuchen. Dem Sohn sollen schon im Primarschulalter die Gemälde von Francis Bacon gefallen haben, die heute einen wichtigen Teil der Kunstsammlung ausmachen.

Im Katalog fehlen Anekdoten und biografische Angaben weitgehend. Die Würdigung der Sammlerin erfolgt diskret. In die Katalogtexte fliessen passende Sätze der richtigen Personen wie nebenher ein. So bezeichnet Sam Keller, Direktor der Fondation Beyeler, die Sammlung als «eine der besten der Welt». Der Künstler Peter Fischli sagt: «Das Schöne an Esther ist, dass SIE die Entscheidungen trifft, deshalb ist die Sammlung nicht so glatt wie von einer Galerie oder Ähnlichem zusammengestellt.»

Das Buch transportiert etwas von der Leidenschaft der Sammlerin. Und weckt den Wunsch, einmal durch dieses Haus zu streifen, sich neben die Puppe von Eva Aeppli aufs Sofa zu setzen und in den Garten mit den Skulpturen zu blicken. Da das Haustor jedoch geschlossen bleibt, muss man sich mit dem Öffnen des Buchdeckels begnügen.

Esther Grether (Hrsg.): «Affinité élective. Wahlverwandtschaft. Die Sammlung Esther Grether». Hatje Cantz 2013, ca. Fr. 100.–.
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